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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
87 (sequence 6)
Language
German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift hindurch, im Deutschen die beiden semitischen Wörter, die als Akrophone a und b abgaben, aleph, das Rind und beth, das Hausl (A ursprünglich -^C stellt den gehörnten Ochsenkopf dar.) Die Benennung der Buchstabenreihe als Abc stammt von den Römern.1) Der Erfinder der Schrift hatte also — im Stil der Aufklärer zu sprechen — die Aufgabe, Laute durch Bilder zu fixieren, oder, da Laute nicht abbildbar sind, vielmehr diejenigen Stellungen von Lippen, Zunge und Gaumen, die beim Durchgang der Luft zum Sprechen die verschiedenen Laute formen. Es ist Wächter, der 1752 in seiner Concordia Naturae et Scripturae die folgende — zwar falsche aber geistvolle — Lösung fand (s. die Kritik in: Das Neueste aus der anmutigen Gelehrsamkeit II. 1752): ein b wird durch Lippenverscbluß erzeugt, daher die stilisierte Zeichnung C B, ein d durch Anlegen der Zunge an die Zähne, daher stilisiert 7> und daraus D, das o wird durch runde Lippenöffnung erzeugt, daher O. Es erübrigt sich, nach dem über das Prinzip der Buchstabenschrift Gesagten diese Harmonie der Natur mit der Schrift noch einmal zu widerlegen. Amüsant ist nur, daß Wächter nicht bemerkt, wie seine stilisierten Lippenbilder ihn gar nicht zu den hebräisch-phönikischen Urbuchstaben — sondern zu lateinischen Drucktypen und den von ihm für sehr alt gehaltenen koptischen Buchstaben führen! Und doch läuft durch sein Gespinst ein Faden Wahrheit, was zur Nachdenklichkeit zwingt Zwar nicht durch runde Lippenöffnung, wohl aber durch runde Kehlkopföffnung wird der Laut O hervorgebracht und diesen Laut O, das griechische runde Omikron (wieder ein Name: kleines o), das hebräische Ajin, schrieben die althebräischen Inschriften, was Wächter kaum wissen, noch weniger werten konnte, nicht sondern o! Nur daß es heute strittig ist, ob dieser Kreis ein Quellloch oder ein Auge zeichnen soll, denn Ajin heißt beides. Kurzum, die Einhelligkeit zwischen Natur und Schrift ist nicht aus der Schrift herauszuschälen, weil sie nicht darin ist, weil die Buchstabenschrift nicht auf „Natur", sondern auf Dingwortbilder zurückgeht; Tragödie und Komödie werden mit denselben Buchstaben geschrieben, sagte ein griechischer Skeptiker. i) Den Gegensatz zum Aufsagen der Buchstaben mit Namen, dem Buchstabieren, bildet das rein lautliche Vortragen, das Lautieren. (Grundlegend W. Schulze S. B. B. A. iooi.) Das spielt bei der Europäisierung des Russischen eine Rolle. . Denn bisher hatten sich die Russen in Umkehrung der Schrifterfindungsweise eigenrussischer Namen für ihre Laute bedient, an Stelle eines Alpha ßets ein Az ßuka gebraucht. Knüpft man an die Laute nicht bloß Wörter, sondern Bilder, so wird die Hasenjagd verständlich, mit der die IIaggada die Akrophonreihe von Jajin (Wein), Kiddusch (Heiligung;, Ner (Licht), Hawdoloh (Unterscheidung), Seman (Zeit) JKNHAS: Jag 'n Has illustriert. (Nach Dr. Berliner, Darmstadt.) 87

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