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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
86 (sequence 5)
Language
German
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Rudolf Hallo kritischer Sehschärfe die samaritanisch-kanaanäischen Zeichen mit einschmolzen, blieb die Form dieser letzteren selbst, die als reine Matrix durch alle abgeschliffenen Stempel noch hindurchschimmerte, zu erklären und ihre Gegründetheit auf ein Höchstmaß einwohnender Vernunft zurückzuführen; d. h. aber, es blieb — da der Versuch, die Buchstaben lediglich als verabredete Zeichen zu erklären, die Frage nach dem Grunde ihres Soseins nie beantworten, sondern nur zurückschieben konnte*) — die Übereinstimmung der Urbuchstaben, also der kanaanäisch-samaritanisch-hebräischen, mit der Natur selbst, zu erweisen! Freilich nicht jene Übereinstimmung, die die frühhumanistische Hieroglyphenkunde den Bildzeichnungen gern entnommen hätte, wie wenn nämlich die — nach ihrer Auffassung — älteste Schrift der ägyptischen Hieroglyphen in sich naturphilosophische Urweisheiten berge, die anders nicht auszudrücken gewesen wären, sondern in dem nüchternen Sinn, daß die Buchstabenzeichen der Schrift einen genauen Bezug auf physikalische Erscheinungen beim Sprechen aufzeigten. An diesem Punkte erhebt sich also die Frage, was denn durch die Zeichen der Buchstabenschriften eigentlich geschrieben wird. Offenbar nicht die Wörter selbst, die ja gar nicht schreibbar und nur soweit sie Dinge bezeichnen, abbildbar sind, sondern diejenigen allen Wörtern einer Sprache gemeinsamen Laute, die, in der und der bestimmten Gruppierung, das zu schreibende Wort lautlich bilden. So gibt der Buchstabe O den Laut oh wieder, der Buchstabe Z den Laut ds, nicht etwa den Laut Zett, den es gar nicht gibt, und der vielmehr nur ein semilisch-griechischer Name ist Das Beispiel zeigt, daß unsere Buchstaben Namen haben; das ist uns fremd, weil Name and Laut sich im Groben meistens decken. Nur Ypsilon macht eine Ausnahme, besonders wenn man es neben den französischen Namen für y, i grec hält. Dieser Name verrät zugleich die Herkunft. Im Griechischen wurde der Buchstabe i gesprochen und das psilon bedeutet nur Aussprache ohne Hauchanlaut; so steht griechisches e-psilon eben als hauchloses e an Stelle des hebräisch-semitischen he, dort wie hier der fünfte Buchstabe des Alphabets. •Dieses Wort Alphabet selbst enthält noch heute, durch alle griechisch-römische Vermittlung *) Taschentuchknoten und auch mexikanische Knoten, von denen Jensen es sagt, sind eben wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu den Dingen „lediglich Merkzeichen, zu deren Verständnis eine mündliche Erläuterung unerläßlich ist*. Sie liegen also unterhalb der Schwelle der Schrift. Neuartig ist der Gesichtswinkel, unter den sie Rudolf v. Laban in seiner Tanzschriffi rückt, in die er mir in dankenswerter Weise einige Einblicke gewährte. Darin wird die Knotenschrift als dreidimensional, den ausdrucks- und raumlosen Flächenschriften, insbesondere auch den Musiknoten gegenübergestellt, obwohl deren Beziehung zum Inhalt — steigende und fallende Folgen, Häufung, Beschwingung kurzer Noten — noch eine wahre Concordia Naturae et Scripturae ist gegenüber der scheinbar restlosen Willkürlichkeit der Buchstabenschriften. $6

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