Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 85 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift Streng genommen ist in i. Mos. n überhaupt nicht von der hebräischen oder irgendeiner Sprache die Rede, sondern von einem Zustand der Einheitlichkeit aller Welt in Lippe und Worten (Vers i). Mit diesem Organ und diesen Mitteln kann der Mensch seinen Nächsten ansprechen, V. 2. Dieser natürlichen Gleichartigkeit wegen nennt Gott die Menschen Ein Volk. V. 6. Verwirrt er ihre Lippen, so kann der Mensch seinen Nächsten nicht mehr verstehen, V. 7, und weil Gott diese Verwirrung stiftet, deshalb heißt diese Stätte Babel. Es ist nicht gesagt, daß irgendeine Sprache der Verwirrung entronnen wäre, auch nicht die heilige Sprache. Aber daraus zu folgern, daß in a 11 e Sprachen etwas von jener einen einheitlichen Sprache eingesprengt sei, liegt der Erzählung völlig fern; sie will nichts als einen augenscheinlichen Tatbestand sinnvoll erklären.1) Es hat erst einer ungeheueren gedanklichen Erziehung, einer „Engführung", um diesen Ausdruck Eduard Strauß' aufzugreifen, bedurft, die sich überwiegend auf dem Felde der christlichen Bibellehre abgespielt hat, bis sich die Bibel zu einem von allen Büchern wesenhaft unterschiedenen Buch, der „heiligen" Schrift, und damit die Sprache und die Schrift der Bibel zur Ursprache und Urschrift empor- und heraushoben. „Also — weil nämlich Adam auf Gottes Frage: Wo bist Du? hebräisch antwortete — war die hebräische Sprache die erste, die des ersten Sprechenden Lippen gebildet haben." Zu diesem Satz Dantes (de volg. eloq. I 6), der paradoxerweise auf dem Gipfelpunkt seiner die klassische Alleingültigkeit des Latein durchbrechenden Abhandlung von der Volkssprache steht, bildet die bis in das Zeitalter der Aufklärung reichende Auffassung vom Hebräischen als der Urschrift aller aus ihr in Abfall hervorgegangenen Schriften der Welt das ergänzende Gegenstück.2) Indem man sämtliche der Aufklärungszeit bekannten Schrif(Varietäten — die Bibel selbst erwähnt die Fremdartigkeit von Schriften erst in nachexilischer Zeit (Esra 4, 7 u. ö.) —, gestärkt durch die profane griechische Tradition von der Abstammung des griechischen Alphabets aus dem Phönikischen, auf die hebräischen Urbilder zurückführte, in die sich, bei geringerer *■) sma heißt nicht so sehr hören, als verstehen I Dafür ist außer Gen. 11, 7 Kap. $2, 23 über die Fremdsprache zu beachten. Auch Gott „versteht" die Sprache menschlicher Not, 16, 11, ein namenbegründender Satz, in dem Jischma-el durch das Tetragramm erläutert wird! Diese Vertauschbarkeit von El und Ihvh kommt in der Buber-Rosenzweigschm Obersetzung durch „Gott" und „Er" nicht zum Ausdruck. (Ihr Gegenstück ist die politische Namensänderung des Königs El-jakim in Jeho-jakim zur Zeit Jeremias, 2. Kg. 23.34.) Auch Gen. 3, 8ff. wäre wohl: sie verstanden Gottes Anruf dem gewählten: sie hörten Gottes Schall, vorzuziehen; denn das Verstecken der ersten Eltern ist eine Folge ihres Verstehens, nicht eine ihres bloßen Hörens. Selbstverständlich, daß Gott dieselbe Sprache spricht wie seine Menschenkinder. Eine Göttersprache wie in Edda und Homer gibt es nicht. 2) Eine geradezu biologische Auffassung der Sprachentwicklung enthält das Experiment des Ägypterkönigs, die älteste Sprache durch Abhorchen kindlicher Sprachäußerungen zu er-' mittein. Was Jacob Grimm an diesem Experiment „höchst abenteuerlich" nennt, ist nur die rationalistische Fassung, die Herodot dem Versuch gibt. 85