Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 84 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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Rudolf Hallo betrachtet werden konnte; das eine wie das andere: Resultat von geistigen Prozessen, deren komplizierten Verlauf ich unter dem Titel: Die christliche Wissenschaft vom Judentum im Freien Jüdischen Lehrhaus, Frankfurt a. M. 1923 vorzutragen versucht habe. Es ist merkwürdig, daß auf die Frage nach dem Ursprung der Schrift die Antwort vom Standpunkt des Griechen oder Ägypters aus präzise zu geben wäre, daß sie vom biblischen Standpunkt aus nicht zu geben ist Der Ägypter würde sagen, sein Weisheitsgott Thot — eben der, der dem oben S. 174 erwähnten Thutmoses den Namen gegeben hat — habe die Schrift erfunden, und der Grieche, stets seiner Verpflichtung gegen den Urheber eingedenk — heißt doch der Bringer der Schrift K a d m o s (von hebräisch 0!lpT der Osten) —, würde dies nachsprechen, nur daß er durch Plato dem ägyptischen Gott den griechischen Namen Hermes gäbe. Die Bibel dagegen (ich verstehe darunter zunächst immer die 5 Bücher Mosis) kennt in ihrer unmythologischen Haltung keinen Erfindergott, sie kennt nicht einmal die Frage nach einem solchen. Die Bibel kennt zwar die Aufforderung zu schreiben, aber sie setzt die Kunst und Fähigkeit dazu als dem Menschen zufallendes Teil der Aufgabe schlechtweg voraus (2. Mos. 34, 27). Und das einzige, was Gott geschrieben hatte, die Ersten Tafeln, kam nicht bis zu den Menschen! (2. Mos. 32, 16.) Sowenig ein Triptolemos kommt, die Menschen den Ackerbau zu lehren, sowenig wird das Schreiben gelehrt Adam erhält den Befehl, den Boden zu bearbeiten, und er weiß damit, zu arbeiten. Das ist jene Größe der Sprache, die der einzige Grieche, der über die Schrift ein Urteil abgeben durfte, der Anonymus über das Erhabene, mit einer für den griechischen Symmetriker charakteristischen Veränderung neben Homer gestellt hat „Es werde Licht und es ward Licht Es werde Land und es ward Land." Noch weniger beschäftigt sich die biblische Erzählung mit der Frage nach der Einheit oder Vielheit der Schriftarten, deren mehrere ihr doch bekannt waren. Sie nimmt vielmehr stillschweigend die sinnfällige Tatsache verschiedener Schriften hin, wie auch die Erzählung von der babylonischen Sprachverwirrung, über deren Form im ersten Aufsatz ausführlich gesprochen wurde, inhaltlich zwar die Begründung der sinnfälligen Mannigfaltigkeit der Sprachen zum Gegenstand hat, aber von einer Stigmatisierung der fremden Sprachen als vom reinen Hebräisch abgefallener und daher unvollkommener Sprachen nichts weiß. 84