Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-04-01
Page
83 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896705--00961-2896814
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rudolf Hallo: Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift Die mannigfaltige Problematik des Lesens läßt sich beispielhaft an dem folgenden Buchstabenkomplex aufzeigen: Xber. So schrieb Herder der Kürze halber für: December. Der damalige Leser entnahm dem Schriftbild spontan den hineingelegten Sinn, der heutige Leser wird zuerst ixber lesen, ein Wort, das er nicht kennt, dann vielleicht io-ber, was keinen Sinn gibt, und zuletzt wird er, da er nicht eher glauben wird, das Entzifferte gelesen zu haben, ab bis er es auf ihm Verständliches bezogen hat, sofern er Latein kennt, auf Decem-be» kommen, wobei er aber sogleich wieder vergessen muß, daß decem 10 heißt — denn der December ist schon lange nicht mehr der zehnte, sondern der zwölfte Monat. Es ist oben dargelegt worden, und ich muß das dort Gesagte als Grundlage für das noch zu Sagende gelten lassen, daß die westsemitischen Schriften mitsamt der zu ihnen gehörigen Hebräischen Schrift, und damit die indischen und abendländischen Schriften insgemein im Prinzip aus der ägyptischen Bilderschrift abzuleiten sind, & h. aus einer Schrift, die den zu schreibenden Laut durch das Bild eines eben mit diesem Laut an-lautenden darstellbaren1 Dingworts zeichnete.1) So wurde denn, solange das Prinzip bewußt blieb, mit einem von Sprache zu Sprache wechselnden Bilde geschrieben, wie das hypothetische Beispiel auf S. 166 in Anmerkung 7 andeutete, dagegen durch ein formelhaftes „Zeichen" — das lediglich noch formalen Entwicklungsgesetzen unterliegt und damit ins Gebiet der Kunst fällt — sobald der Sinn der Bildschöpfung verblaßte, und das Bild von Hand zu Hand ging, als ob es an sich und nicht nur durch Akrophonia in der Ausgangssprache diesen und nur diesen Laut bezeichnete; wie denn offenbar zwischen dem lateinischen B und dem Haus, das im Semitischen gezeichnet wurde, um B-eth zu zeichnen, kein inhaltlicher Zusammenhang mehr besteht und der B-förmige Bismarckturm bei Aachen schon nahe an den Mond Morgensterns reicht, der, sich deutschen Lesern zu bequemen, ein A formieret und ein Zeit In diesem Prozeß wurden aus Zeichnungen Zeichen! So übersichtlich und klar diese Abfolge heute angesichts der Sinaifunde aber auch ist, so darf sie nicht vergessen machen, gegen welche Anschauungen sie sich durchzusetzen hatte, und welche ungelösten Fragen noch bleiben. Wenn man den methodischen Abstand der neuen Erkenntnis von der früheren kurz formulieren will, so liegt er in der zweifachen Säkularisation des Hebräischen, einmal insofern es aufhörte, primus inter pares zu sein, das heißt als die älteste Schriftsprache unter den Sprachen zu gelten, zum andern insofern es nicht mehr als eine wesentlich von allen Sprachen unterschiedene heilige Sprache 1) Die ursprünglich nach Positionswert gebrauchten Zahlbuchstaben haben eine ähnliche Eigenmächtigkeit und Eigengesetz'.ichkeit er'.angt; siehe darüber meinen Aufsatz im Band 80 der Zeitschrift der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft 1926, S. 52 ff. 6* 83

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.