Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 79 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Jüdin der Gegenwart Zu allen diesen unendlich komplizierten Problemen, die ihre Kraft schon in Anspruch nehmen, kommt nun bei der modernen Jüdin nicht als letztes die jüdische Tragik hinzu. Denn das Erwachen der ostjüdischen Literatur, die nationale Bewegung, der Zionismus, das intensive Studium der jüdischen Vergangenheit, eine neue verinnerlichte Religiosität haben ein helles Bewußtwerden von Besonderheit der jüdischen Psyche hervorgerufen. War für die Jüdin der dritten Generation das Judentum eine Frage der Religion, so ist es für die dem Zionismus zuneigende Jüdin oft eine Frage der Nationalitat geworden. Was wunder also, daß diese Unausgeglichenheiten, zu denen noch oft die wirtschaftliche Not und die Auseinandersetzung mit dem wirklichen Leben kommen, das Wesen der heutigen Kulturjüdin unharmonisch macht? Daß sie unter einer wehmütigen Schüchternheit, einer tiefen Zerrissenheit, einer quälenden Unsicherheit leidet? Daß ihr oft ein schwerer Ernst anhaftet, der ihre Umgebung bedrückt? Daß sie ständig zwischen Extremen schwankt, bald in einem rasenden Lebensrhythmus voller Ekstasen dahinstürmt, bald in kraftloser Resignation müde vor jedem Kampfe zurückbebt? Alles, was sie erlebt, wird ihr ein Gegenstand tiefster Grübelei, ihr eigenes Wesen eine Quelle steter Selbstanalyse, der Beruf ein ununterbrochenes Messen der eigenen Begabung. Sie haben jenes „namenlose Talent4', das Caroline von Humboldt einmal der Rahel zuspricht, „das Leben mit allen Widersprüchen darin und im eigenen Gemüt auszusprechen". Sie besitzen aber auch oft jene feine Geistigkeit und weite Menschlichkeit, wie sie nur der lange Schmerz und jenes heimliche Wissen um letzte Dinge, wie es nur das müde Blut uralter Geschlechter erzeugt Erlösung finden sie gewöhnlich nur in der Arbeit, in der sie zäh und unermüdlich sind, in der Freundschaft, wo sie durch Mitleiden und Mitempfinden trösten, in der. Liebe, wo sie oft bis zur Selbstaufgabe sich verschwenden. Nirgends offenbart sich wohl mehr die Polarität des jüdischen Wesens als in dem Unterschied zwischen diesem intellektuellen Typ und dem andern, den ich den luxuriösen nennen möchte. Es sind jene schillernden Geschöpfe, die in vielen Romanen der Gegenwart bis zum Überdruß festgehalten sind, jene schlanken, sportgeübten, geschmeidigen jungen Mädchen mit den kühlen, klugen Augen und dem blasierten, müden Zug um den wissenden Mund. Es sind jene Mädchen; die ein wenig Literatur, ein wenig Musik, ein wenig Kunst, ein wenig 79