Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 78 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern brünstigen Ethos, am besten jenen strengen Frauentyp in einem ihrer schönsten Gedichte charakterisiert: Lieber kein Glück. Nur lauter sein. Nur keinen Schritt abseits vom Recht Nur keine Schuld; lieber kein Glück! 0 Gott, ich stürbe, würd' ich schlecht! Und auf diesen Typ — ich kann ihn hier natürlich nur in ganz groben; Linien aufzeichnen — folgt dann der andere, der problematische Typ. Ich meine damit jenes Geschlecht, in dem die Problematik der modernen Frau eine wenig glückliche Ehe einging mit der Problematik des modernen Judentums. Denn mit der Selbstverständlichkeit des Studiums, des Berufes, der Einbürgerung der Ärztin, der Juristin, der Beamtin in das öffentliche Leben, dem Wohlwollen, das man ihren Leistungen allmählich entgegenbringt, ist die Kampfstimmung gewichen. Mit ihr aber auch die Instinktsicherheit, die Zielstrebigkeit der ersten Generation. Denn die moderne Psychologie, die dem Unterschied des Männlichen und Weiblichen nachspürt wie kaum je eine Zeit* der moderne Kritizismus und Skeptizismus haben die Frau zur strengsten Kritikerin ihres eigenen Wesens gemacht Es ist nicht mehr die Frage nach dem Berufe schlechthin, die sie quält, sondern die Frage nach dem ihrem eigenen Wesen angemessenen Berufe. Es ist nicht mehr das Streben nach der gleichwertigen, sondern das Streben nach der anderswertigen Leistung, nicht mehr die Sucht Gleiches zu schaffen wie der Mann, sondern das Verlangen nach Förderung der Kultur durch eine eigene weibliche Nota Die Fragen der Liebe und Ehe, von der älteren Generation völlig in den Hintergrund gedrängt, bekommen neue gesteigerte Bedeutung, genährt noch durch die moderne Psychoanalyse, durch die vielfältigen Sexualtheorien der Dichtung und Wissenschaft unserer Zeit Ähnlich der Romantik verzehrt sich dieses Geschlecht in der Sehnsucht, nach einem neuen verfeinerten sublimierten Ideal menschlicher Gemeinschaft, die es sich aufgebaut denkt auf der Respektierung der gegenseitigen Individualität, aber auch auf dem Bewußtsein des Elementarischen und Naturhaften, im Menschen. 78