Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 80 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern Politik treiben, mehr um zu locken, zu reizen, zu gefallen, als einem starken, schönen Drange zu folgen. Die Liebe ist ihnen ein Flirt, der Flirt ein Sport, der Sport eine Betäubung für eine nervöse innere Unruhe- Ihr Lebenselement ist Kritik und Spott, ihr Charakteristikum das Fehlen eines Mittelpunkts ihres Wesens. Sie glauben sich, wie die Else Ehrenberg in Schnitzlers „Weg ins Freie", zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen oder sie sind, wie die Irene in Max Brods „Jüdinnen", verbildet und überspannt, ständig auf der Suche nach Sensationen, nach neuen, aufreizenden, phantastischen Erlebnissen. Aus diesen Mädchen werden dann nach vorsichtig raffinierter Wahl des reichsten und bequemsten Ehekandidaten jene verwöhnten, verführerischen, gepflegten Frauen, die trotz allen Glanzes, trotz schöner Wohnungen und prunkender Kleider eine verzehrende trostlose innere Leere nicht zu. bannen vermögen. Sie suchen diese Leere auszufüllen durch eine Jagd nach Vergnügen, nach Geselligkeit, nach Theater und Tanz oder nach galanten erotischen Abenteuern, freilich um dann nicht einer großen Leidenschaft offen zu folgen, sondern um kleine Gelüste naschhaft zu befriedigen. Es ist schwer zu unterscheiden, ob diese Dekadenzerscheinungen eine Folge der ganzen modernen Wirtschaftsordnung überhaupt sind, ob sie hervorgehen aus der müden, von der Relativität aller Werte überzeugten, haltlosen Abendlanduntergangsstimmung unserer Zeit, oder ob es böse Zerfallsmomente sind, die dem Judentum selber anhaften. Aber daß wir heute neben dem resignierten und dekadenten Typ noch jene gesunden, kraftvollen mütterlichen Frauen sehen, die aufgehen in der Sorge um Arme, Enterbte und Beladene, daß Jakob Wassermann in seinem „Christian Wahnschaffe" neben die Gestalt der komplizierten, gefühlsunsicheren, leidvoll umhergetriebenen Johanna Schöntag die wundervoll rührende kleine Ruth setzen konnte, beweist doch, daß etwas vom starken, echten Geist der alten Jüdin in der modernen lebt --Wohin aber weist der Weg? Führt er zur Höhe oder führt er zur Tiefe? Wird die Erneuerung des Judentums auch die jüdische Frau erneuern oder wird sie in Zwiespalt und Problematik sich zerquälen? Die Geschichte bleibt auf solche Fragen stumm. Sie erzählt nur, wie es war und wie es ist Mir aber scheint, als habe das Schicksal selbst der Jüdin eine Aufgabe gestellt als den einzig festen Pol in der wilden und wirren Flucht der Erscheinungen. Indem es ihr ein ewiges Leid zu tragen gab, hat es ihr vor allen anderen Frauen auch eine empfindsame und horchende Seele gegeben, 80