Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 77 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Jüdin der Gegenwart sich erhalten haben, wie ja neben dem modernen Menschen noch heute der heidnische, der nazarenische, der mittelalterliche, der Renaissancemensch steht Den einen Typ möchte ich als den der intellektuellen Jüdin bezeichnen, der wieder in zwei Arten zerfällt, in die Generation der 90er Jahne und in die zweite Generation unserer unmittelbaren Gegenwart Das erste Geschlecht — Marianne Weber hat es einmal das heroische genannt — ist ein Geschlecht von Kämpferinnen. Sie sind die eigentlichen Pioniere der Frauenbewegung, durchdrungen von ihrer hohen Idee, überzeugt von ihrer Richtigkeit, bereit sich ihr zu opfern. An Stelle des eignen Glücksverlangens der Frau tritt der Glaube und die Hingabe an das Wirken, die Tat, an Stelle des spezifischen Frauengefühls ein allgemein menschliches Persönlichkeitsgefühl. Der ungeheuere Bildungshunger, jahrhundertelang unterdrückt, tobt sich aus in einem gierigen Erfassen aller Wissenszweige, einem heftigen Forscherdrang, einem tiefen Erkenntniszwang. Man stürzt sich auf alle Arbeitsgebiete, auf alle Berufe des Mannes, gleichsam als Reaktion gegen das „vegetative Frauendasein" der früheren Zeit, als Beweis der angezweifelten Objektivität, des umstrittenen weiblichen Intellekts. Denn die Opposition von allen Seiten, die Schwierigkeit, zu Studium und Beruf zu gelangen, der Spott der Kollegen, die eisige Aufnahme an der Universität erfüllen diese Generation mit einer zähen Abwehrbereitschaft, einer herben Männlichkeit, die sich auch in Kleidung und Bewegung dokumentiert Das rasche Lossteuern auf ein festes Ziel, die Notwendigkeit des Ausweises gleicher Leistungen wie der Mann, der dazu aufgewandte eiserne Fleiß geben ihnen das Gepräge der Sachlichkeit und Nüchternheit Der Stolz auf die endlich erlangte Unabhängigkeit nach jahrhundertelanger Knechtschaft führt bei vielen zu einer Abkehr vom Manne, die Freude, endlich teilzuhaben an den großen Fragen der Zeit zu einer fast asketischen Hingabe an den Beruf. Das jüdische Problem verschwindet fast vollständig bei dieser Generation. War doch die Frauenbewegung wie kaum je eine andere Bewegung völlig international, losgelöst von allem Staatlichen, Rassenmäßigen und Konfessionellen. Mögen auch in der Art der Kampfführung, in der revolutionären Ekstase, <ler Aufopferung an die Idee, der ethischen Willensanspannung viel jüdische Wesenselemente mitschwingen, an die Oberfläche, in das Bewußtsein dieser Frauen gelangen sie kaum. Vielleicht hat die feine geistvolle Frau Gustav Landauers, die Übersetzerin und Dichterin Hedwig Lachmann, selbst repräsentativ in ihrem starken, in- 77