Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 76 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern erziehen, das Erwerbsleben jüdischer Frauen und Mädchen zu erleichtern, die Sittlichkeit zu heben, das jüdische Gemein Schaftsbewußtsein zu starken. Ich müßte von all den Organisationen der Ostjudenhilfe, der Krankenpflege, der Kindergärten, der Wöchnerinnen- und Säuglingspflege, des Kinderschutzes, der Kindererziehung, der Gefallenenfürsorge, der Stellenvermittlung, der Berufsberatung und tausend andern Dingen reden. Hier aber gilt etwas anderes. Hier gilt es zu zeigen, wie weit sich der jüdische Frauentyp durch die geistige und seelische Revolution der Frauenemanzipation geändert hat Gibt es aber, so lautet die andere Frage, noch einen Unterschied zwischen der modernen Jüdin und der modernen Frau überhaupt? Haben die gemeinsamen Kämpfe um das gleiche Prinzip, die gleichen Grundlagen der Bildung und des Studiums, die gleichen seelischen Erschütterungen nicht schließlich einen allgemeinen gleichen Frauentyp geschaffen? Gibt es einen Unterschied zwischen Ibsens Nora und jener kleinen Prager Jüdin Camilla Lowositz in Auguste Hauschners Roman „Rudolf und Camilla", die fast mit naturnotwendiger Gewalt sich von ihrem Gatten trennt, weil er für die feinsten Schwingungen ihrer Seele kein Verständnis hat? Gibt es einen Unterschied zwischen der jüdischen Studentin Hertha Goldberg in Hans von Kahlenbergs „Ahasvera", die bis zum Selbstmord kämpft, um die Frau aus der Heuchelei, der Unnatur, dem Mißbrauchtwerden zu befreien und jener christlichen Bildhauerin Isolde in Helene Böhlaus „Halbtier", die die Brutalität des Mannes in den Tod treibt? Ist die Jüdin nicht in allem und jedem wie die deutsche Frau ein Produkt ihres Jahrhunderts, des Zeitalters des Dampfes, der Elektrizität, des Kapitalismus, des Materialismus? Haben nicht Darwin, Häckel, Nietzsche die ältere Generation, nicht Dostojewsky, Tolstoi, Ibsen, Strindberg, Spengler die jüngste geformt? Sind gotische Dome ihr nicht näher als die Synagoge, kennt sie Kant nicht besser als Maimonides, ist ihr Goethe nicht vertrauter als die Bibel? Für uns, die wir noch mitten in den Erscheinungen stehen, ist es schwer,; aus dem verschlungenen und mannigfaltigen Individuellen das Typische herauszuschälen, Lebendiges und Flutendes erstarren zu lassen, um Wesentliches zu finden. Trotzdem glaube ich, daß man auch bei der modernen Jüdin einige charakteristische Haupttypen unterscheiden kann. Ich nehme selbstverständlich an, daß neben diesen alle die andern von der Ghettozeit bis heute geschilderten 76