Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 73 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jüdin der Gegenwart Aber Fanny Lewald ist nicht nur Kritikerin. Sie gibt auch Positives und zeigt den Weg der Umkehr und der Wandlung. Sie macht die Frau auf ihre Pflichten im engeren und weiteren Kreise aufmerksam, gegen Arbeiter und Arbeilerinnen, gegen Dienstboten und Angestellte, sie verlangt eine völlig andere Erziehung, eine vom Staate unterstützte Ausbildung aller Anlagen. „Der Kardinalfehler in allen Verhandlungen über die Berechtigung der Frauen zu Tätigkeiten, die sie bisher in der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht ausgeübt haben, liegt darin, daß man die Frage nach der Berechtigung falsch stellt Man fragt: Dürfen Frauen dies oder jenes tun? und sollte fragen: Ist jeder Mensch berechtigt, dasjenige zu lernen, wozu er die Neigung fühlt und dasjenige auszuüben, was er zu seinem und andern Menschen Vorteil gut auszuüben vermag? Eine Frage, die unmöglich verneint werden kann." Fanny Lewald ist noch keine Umstürzlerin, sie gehört nicht zum Typ der aggressiven Frauenrechtlerin der späteren Zeit Wenn sie auch die Möglichkeit eines Stimmrechts schon andeutet, so tut sie es doch in ihrer zwar bestimmten, aber doch zurückhaltenden, immer nur das Mögliche betonenden Weise. Aber sie hat durch ihre Stellung als Schriftstellerin und als Freundin berühmter Männer, mehr noch durch ihre feine Ironie und ihren Takt die Frauenfrage jener Tage gewaltig gefördert Die Jüdin hat die deutsche Frauenbewegung nicht allein geschaffen. Aber sie erscheint in allen wichtigen Phasen ihrer Geschichte, Mut und Kraft einflößend durch den ihr eigenen, feurigen Glauben, durch die zähe Ausdauer ihres Willens, durch ihr starkes Talent des Organisierens. An allen Versuchen, der Erwerbsnot der Frau zu steuern, sie wirtschaftlich selbständig zu machen, an der Gründung der Kindergärten, der Töchterschulen, der Lehranstalten für praktische Berufe, hat sie Anteil. Johanna Goldschmidt aus Hamburg, die schon Ende der vierziger Jahre zusammen mit einer Christin den ersten konfessionslosen Frauenverein gründete, machte sich die „Propaganda Froebelscher Ideen und die Ertüchtigung des Frauengeschlechts für die Aufgaben der Gattin, Mutter und Hausfrau zur Hauptaufgabe." In Berlin wurde Lina Morgenstern die. Vorsitzende des dortigen Kindergartens; sie eröffnete ein Seminar für Kindergärtnerinnen, Kurse für Kinderpflegerinnen, den ersten Volkskindergarten und die Akademie zur wissenschaftlichen Fortbildung für Damen. 73