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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Die Entwicklung des jüdischen Frauentyps seit dem Mittelalter
Date
1926-04-01
Page
72 (sequence 2)
Language
German
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Selma Stern alters gegangen, das die Frau auf der einen Seite wie eine Gottheit verehrte, und sie auf der andern Seite herrisch als selbstverständliches Eigentum betrachtete. So war es in Deutschland schon Rahel, die in der ihr eigenen intuitiven Schau der völligen sozialen Unabhängigkeit der Frau das Wort redete, die gegen die Vorurteile ankämpfte, die Frau von den Arbeits- und Gedankengebieten des Mannes auszuschließen. Fanny Lewald führte in gerader Linie Raheis Rolle weiter. Sie wurde, wenn auch nicht die bahnbrechende, so doch die sarkastischste und energischste Theoretikerin der Bewegung. Die großen wirtschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts, die Erfindung der Nähmaschine, die Ausbildung der Industrie, die Fortschritte in Beleuchtung und Heizung hatten der Frau fast die ganze Fülle ihrer bisherigen Aufgaben genommen. Die Folge war, daß die Haustochter, die bisher viel Zeit und Kraft und Umsicht dem Hauswesen hatten widmen müssen, in öder Langeweile die Tage verbrachten, leidend noch manchmal unter der wirtschaftlichen Not der kinderreichen Familien des Mittelstandes. Fanny Lewald, die sich selbst aus den Drangsalen einer solchen Existenz und der liebevollen Tyrannei der Familie zur selbständigen Schriftstellerin durchgerungen hatte, legt in ihren Schriften „Osterbriefe für die Frauen, den deutschen Handwerker- und Arbeitervereinen gewidmet" (i863), in ihrem „Für und wider die Frauen" Hand an die schlimme Wunde. In rücksichtloser Offenheit deckt sie alle Fehler und Schwächen auf, die den Frauen der vornehmen Kreise anhaften, ihre Nervosität, ihre Trägheit, ihre Gefallsucht, ihre Naschlust, ihre Verschwendung und weist nach, daß diese nur eine Folge ihres zwecklosen und öden Daseins seien. Gleichzeitig möchte sie den sentimentalen, den gefühlsmäßigen, den weichen Frauentyp ihrer Zeit umwandeln in einen nüchternen, praktischen, mit dem Leben vertrauten und das Leben gestaltenden Typ. Es sei nur Eigensinn der Mädchen und Frauen, sich an einen einmal geliebten Mann zu hängen, wenn sie auch die Hoffnungslosigkeit ihrer Aussichten und seinen Unwert erkannt haben. — Die schlimmste Eigenschaft der Frau aber sei, daß sie keinen „gesunden Appetit" habe, weder geistig noch leiblich. Sie wolle von allem ein bißchen schmecken, von allem ein bißchen wissen, sie wollen immer auch ein bißchen Heben. 72

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