Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 70 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896703--00946-2896801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Dienemann: Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken wir wissen, daß die Seelenruhe des In-Gott-Geborgenseins davon nicht berührt wird. Es ist nicht überflüssig, gerade diese jüdische Auffassung von der Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit als mitschwingend in aller jüdischen Religiosität einmal zu betonen. In diesen Blättern war im Dezember-Heft ein Aufsatz des katholischen Theologieprofessors Krebs über „Urkirche und Judentum" zu lesen. Ein Aufsatz, der in seiner Gründlichkeit und Vornehmheit vorbildlich war. Man wird sich erinnern, wie der innige Zusammenhang zwischen Urkirche und wesenhaften jüdischen Gedanken aufgezeigt war, ein Zusammenhang, der bis in die heutige Zeit im Ritus der katholischen Kirche sich fortsetzt, der in oft geradezu überraschender Weise als mit der Struktur des jüdischen Ritus übereinstimmend sich erweist Warum aber, so mußte man sich fragen, dann das entschiedene Auseinandergehen? Wo so viel Verbindendes ist, wie kam das Auseinandergehen und worauf beruht es? Es wuchs, ohne von der Person Jesu zu reden, letztlich heraus aus der Einstellung zum Wert menschlicher Eigentat; an der Frage der Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit, an der Betonung dieser Seite der Möglichkeiten menschlichen Seins und an der Zurückhaltung, mit der von der Herrschaft der übernatürlichen Gnade über das Tun des Menschen geredet wird, an der Bestimmtheit, mit der dem Menschen ein Recht auf den Wert seiner Tat zuerkannt wird, und mit der die Umkehr von Sünde und falschem Wege in seine Hand gelegt wird, gingen und gehen Kirche und Judentum auseinander. Wer das weiß, hüben und drüben, ist wohl imstande, sich vor der andersgearteten Religiosität in Ehrfurcht zu beugen, weil er sein Eigenstes kennt und fest in ihm ruht 70