Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 62 (sequence 6)
- Language
- German
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Max Dienemaiui Ehe nun dargelegt wird, inwieweit die Gedankengänge der zitierten Autoren mißverstanden und falsch gedeutet sind, und worauf das Mißverstehen beruht, sei ein Wichtigstes festgestellt: Für die Art, wie die Bekenner einer Religionsgemeinschaft Gott erfassen und mit ihm sich verbunden fühlen, für ihre Stellung zu Gott ist in allererster Reihe maßgebend Wort und Haltung derer, die praktisch ihre Frömmigkeit auswirken. Geht man davon aus, belauscht man die Seele des religiösen Juden, schaut man in die Seele des aktiv Religiösen hinein, so erkennt man sofort, daß es das Abwegigste des Abwegigen ist, von dem heutigen Judentum anzunehmen, es habe seinen Gott verloren. Wer die schaffende, lebendige Religiosität des heutigen Juden kennen will, der mag ihn aus seinem Gebet erkennen. Wo man betet, hat man den Glauben an den persönlichen Gott, cL h. an den Gott, der die Welt geschaffen, der in der, Welt waltend und bestimmend Ziele und Zwecke setzt und verwirklicht, der der Lenker der Geschichte ist, hat man den Glauben an einen Gott, der nicht bloß im Menschen als Idee der Sittlichkeit lebt, sondern der Wille und Bewußtsein ist. Ein Blick in das Gebetbuch Israels, ein Blick in eine betende Gemeinde wäre an sich geeignet, die Ausführungen Przywaras an diesem Punkt als irrig zu erweisen. Und man sage nicht, daß ja das alte Gebetbuch Israels nicht mehr die Religiosität des heutigen Juden wiederspiegele; meint man das, so nehme man sich das erste beste reformierte Gebetbuch, in welcher Sprache nur immer heute Juden beten, vor, und immer wird man das Gleiche finden, das demütige Bekenntnis des Glaubens an einen Gott, der in der Welt und nicht bloß im Menschen lebt, der wirkt und schafft und nicht etwa nur Idee und Aufgabe ist Und wo man im Judentum heute, in welcher Form immer, Frömmigkeit kultisch im Tempel oder im Hause in Formen auswirkt, bezeugen diese Formen den Willen, einen Weg zu Gott zu suchen, sich einem Gott, der lebt und nicht etwa von uns erst durch unser Handeln gewirkt wird, aufzuschließen, damit dem Einzüge Gottes in Wille und Denken kein Hemmnis sich entgegenstemme. Und darüber ist nicht zu diskutieren, und man braucht es nicht erst zu erweisen; weil es da ist, kann es jedermann sehen und feststellen, und vor der Existenz dieser lebendigen Frömmigkeit verschwindet Wort und Formel der reflektierenden und Ordnungen aufstellenden Philosophie Nun aber ist diese Stimme der Religionsphilosophie doch da, und sie ist keineswegs gleichgültig, weil sie ja in geordnetem Denken ins Bewußtsein hebt, was unbewußt in den Seelen lebendig ist, und weil ja erst das Bewußfc- 62