Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 53 (sequence 11)
- Language
- German
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Goethe und die Juden Aber in jenen Kurven des Goetheschen Lebensweges, die nun wieder nach Osten gerichtet sind, kann es unter Umständen zu Einfühlungen Goethes in eine spezifisch christliche Kulturwelt kommen, die nun aus nahezu entgegengesetztem Grund das Jüdische ablehnen lassen; nicht, weil es dem christlichen Nazarenertum verwandt, sondern weil es doch eben unchristlich ist Aus solcher Stimmung stammen in den Wanderjahren die Reden des Leonardo« in denen für den Bund der Wandernden es abgelehnt wird, Böses oder Gutes über die Juden zu sprechen, dann aber in einem Sinne „den man vielleicht pedantisch nennen darf", die Gemeinschaft mit dem Juden abgelehnt wird: „Denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet." Es wird schwerlich genau auszuwägen sein, wie weit diese Äußerung! geradezu als ein Ausdruck Goethes zu gelten hat, oder wie weit sie mit künstlerischer Objektivität von Goethe einer vorgestellten Gestalt in den Mund gelegt ist, deren Wesen und Denken er von dem eigenen unterscheidet Daß das zeitweise Hervortreten christlicher Lebensstimmungen weniger im zentralreligiösen als im peripherisch-kulturellen Sinne während Goethes letzter Zeit es zum mindesten möglich macht, solche Äußerungen wie die des Leonardo auch als direkt goethisch zu empfinden, soll keineswegs bestritten werden. Nur gelten sie so wenig wie irgend etwas begrifflich Fixierbares bei diesem gewaltig Lebendigen absolut, sie sind der augenblicklich isolierte Ausdruck einer Kraft, für die es Gegenkräfte im Goe theschen Innern gibt, und nur die unaussprechliche Harmonie dieser Kräfte und Gegenkräfte bildet das ganze Wesen, die Einzigkeit dieses Mannes. Diese beiden entgegengesetzten Prinzipien, die zeitweilig seine innere Einstellung zum Judentum beeinflussen, haben sich in einer bestimmten geistesgeschichtlichen Situation höchst merkwürdig überkreuzt Die geistige Produktionskraft des jüdischen Volkes ist ja noch durch eine andere Leistung als durch die Bibel für Goethe wichtig geworden: Es ist die Erscheinung Spinozas, zu der sich Goethe so oft, so innig, so stark in allen Epochen seines Lebens bekannt hat, daß der Versuch, die Bedeutung dieser Beziehung zu leugnen, schon nicht mehr lächerlich, ist, sondern ein recht trauriges Zeichen von innerlicher Impietät gegen den großen Mann, dem unser Gefühl wohl Glauben und Gefolgschaft schuldet, wo er selbst mit so starken Worten Dankbarkeit bekennt Es ist einfach dumm, mit pröfessoraler Systematik nachweisen zu wollen, daß Goethe das System 53