Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 52 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab positive Kraft dieser jüdischen Eigenart, ihr unmittelbarer Zusammenhang mit dem prophetischen Schwung des Alten Testaments deutlich gewesen. In allen Epochen seines Lebens, wo lyrische Gefühlskraft, mystischer Auftrieb zum Übersinnlichen und Lust an volksmäßiger Urkraft herrschte, in diesen Epochen seines Lebens, deren es mehrere gab, hat sich Goethe immer der Poesie der Bibel aufs Innerste nahe gefühlt Aber in der großartigen Bewegung dieses Lebens, das in Spiraldrehungen zu einziger Höhe emporführt, setzten immer wieder die Gegenbewegungen des antiken Greistes ein, der die feste epische Form, die klare irdische Ordnung, die reine sinnliche Schönheit vor allem pries. Und in solch einer Gegenstimmung konnte Goethe etwa an den Philologen Boettger 1790 schreiben: „Beim erneuten Studium Homers empfinde ich erst ganz, welches unnennbare Unheil uns der jüdische Praß zugefügt hat. Hätten wir die Sodomitereien und ägyptisch-babylonischen Grillen nie kennen gelernt und wäre Homer unsere Bibel geblieben, welch eine ganz andere Gestalt würde die Menschheit dadurch gewonnen haben 1" So sehr derartige Stimmungen der gewaltigen Befruchtung widersprechen, die Goethe, wie gezeigt, in der ganzen Breite und Tiefe seines Wesens von den Büchern der Bibel empfangen hat, so notwendig und wichtig sind doch derartige Anwandlungen für seine Menschlichkeit, die hier von dem großen Recht des Widerspruchs einen höchst unentbehrlichen Gebrauch machte. Denn Goethes einzige Stellung in der Wellgeschichte besteht vielleicht gerade darin, daß er eben so sehr ein Schüler der homerischen Griechen, wie ein Jünger der biblischen Ostländer war, und daß er durch die volle Kraft seines zweiseitigen Wesens schließlich eine Synthese erreicht hat, in der man die Lösung des eigentlichen abendländischen Kulturproblems ahnen kann. Auf diese Weise aber gibt es für Goethe zwei ganz entgegengesetzte Frontstellungen gegen das Judentum. Es gibt Augenblicke, wie den eben durch den Brief an Böttger bezeugten, in dem er die jüdische Welt der Bibel haßt, etwa in dem Sinne, den Heinrich Heine den „nazarenischen" genannt hat, — als die dem Christentum aufs engste verwandte morgenländische Welt, die Welt der außerirdischen Extasen, überirdischen Aberglaubens, die ungriechische Welt Das sind die Zeiten, in denen sich auch Goethes dezidiertes Nichtchristentum in ein Widerchristentum wandelt und ihm sehr böse Äußerungen gegen die christliche Kirche nicht nur, sondern auch gegen ihren Begründer, den „König der Juden" entfallen. 52