Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 54 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab Spinozas garnicht begriffen habe. Das ist die von Schopenhauer genügend gekennzeichnete Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren, die ganz aus dem Auge verloren hat, was eigentlich der philosophische Mensch ist — nämlich der metaphysisch leidenschaftliche, der für einen Augenblick nicht mit religiösen oder künstlerischen Mitteln, sondern mit den Mitteln des Denkens den Vorstoß ins Unendliche wagt Eine von Grund aus künstlerische Natur wie Goethe aber wird gefühlsmäßig die Quintessenz einer philosophischen Erscheinung gewinnen können, auch wenn sie garnicht imstande ist, den speziellen Denkwegen zu folgen, auf denen der Philosoph zu seinem Resultat kommt — diesem Resultat, das ja fast immer früher da ist als die Schlüsse, mit denen es erreicht wird: Vision eines Weltzusammenhangs. Daß er nur in solcher Art Philosophie aufnehmen konnte, hat Goethe klar genug zugegeben, wenn er etwa zu Bosseree über seine philosophische Entwicklung erzählt: „Philosophisches Denken ohne eigentliches philosophisches System. Spinoza hat zuerst großen und immer bleibenden Einfluß auf mich ausgeübt." Es ist übrigens nicht zu übersehen, daß Goethe sowie viele Zeitgenossen, in seinem Gefühl für Spinoza auch sehr stark beeinflußt wurde von dem menschlichen Bild dieses weisen, weltüberlegenen Glasschleifers in Holland: „Ein äußerst gerechter, aufrichtiger, armer Mann . . . Sein Briefwechsel das interessanteste Buch, was man in der Welt von Aufrichtigkeit, Menschenliebe lesen könne." Für einen Künstler, dessen Vorstellungen sich fest und sicher stets nur um eine sinnliche Gestalt ordnen, ist diese unerschütterlich lautere Menschlichkeil Spinozas ein höchst wesentliches Mittel gewesen, um die Weisheit des Philosophen wahrhaft erleben zu können. Daß er nicht „den Dünkel gehegt", einem logischen Phänomen wie Spinoza bis auf den Gipfel seines abstrakten Denkens folgen zu können, hat Goethe selbst ausdrücklich betont Aber die Grundstimmungen dieser Philosophie sind in seinem Leben mächtig geworden — die Gleichsetzung von Gott und Natur vor allen Dingen ist eine erlösende Formel, die noch in der philosophischen Lyrik seines hohen Alters Goethes unentbehrlicher Ausgangspunkt bleibt Und jene überpersönlich hingebende Weltstimmung, die Spinozas „Amor dei" umschreibt, war viel zu sehr Ausdruck allerwesentlichster Goethescher Eigenart, als daß es für ihn nicht hätte tief beglückend und kräftigend sein müssen, solcher Formel im Reich des Denkens zu begegnen. Dabei ist ja nun außer Zweifel, daß die Philosophie dieses Juden, die Gott nicht außerhalb, sondern innerhalb der lebendigen Natur sucht, für Goethe 54