Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-04-01
Page
51 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896702--00926-2896782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Goethe und die Juden zeitgenössischen Judentum, in der sozialen Form, wie er es um sich erblickte, und dem Volk der Bibel unüberbrückbar schien. So z. B. wenn Goethe (er schreibt an Zelter: „so lege ich mir's in der Geschwindigkeit aus") als Grund für seine Abneigung gegen biblische Dramen improvisiert, daß einem beim lebendigen Bühnenanblick jener mythischen Heroen einfallen würde, daß es Juden sind, und daß man dann durch den „Kontrast zwischen Ahnherrn und Enkel" irritiert werden würde. (Wahrscheinlich ließen sich in Goethes Wesen noch tiefere Gründe finden, die ihm biblische Dramatik unmöglich; machen.) — Aber andererseits hat es ihm doch nicht an Eindrücken gefehlt, die eine Ahnung vermittelten, daß jene extatischen Kräfte, aus denen die Poesie der Bibel stammt, noch unter zeitgenössischen Juden lebendig sind. Das tritt ganz besonders sichtbar hervor gerade in der Geschichte von dem alten Ysenburgischen Betteljuden, den Jung-Stilling heilt Denn dort fährt Goethe fort: „Als man ihn fragte, ob die Operation geschmerzt habe? so sagte er nach der hyperbolischen Weise: »Wenn ich eine Million Augen hätte, so wollte ich sie jedesmal für ein halb Kopfstück sämtlich nach und nach operieren lassen.« Bei seinem Abwandern betrug er sich in der Fahrgasse ebenso exzentrisch; er dankte Gott auf gut alttestamentisch, pries den Herrn und den Wundermann, seinen Gesandten. So schritt er in dieser langen gewerbereichen Straße langsam der Brücke zu. Verkäufer und Käufer traten aus den Läden; heraus, überrascht durch einen so seltenen frommen, leidenschaftlich vor aller Welt ausgesprochenen Enthusiasmus; alle waren angeregt zur Teilnahme dergestalt, daß er, ohne irgend zu fordern oder zu heischen, mit reichlichen Gaben zur Wegezehrung beglückt wurde." Ein „leidenschaftlich vor aller Welt ausgesprochener Enthusiasmus", wie ihn Goethe hier als selten bezeichnet, das ist ein sehr wesentliches Merkmal spezifisch jüdischen Temperaments, das anders gearteten oft genug besonders befremdlich scheint, das auch ganz gewiß im Alltag oft genug fragwürdige Effekte hervorbringt und eines der feinsten aber stärksten Hindernisse in der Lebensverständigung zwischen Juden und Nichtjuden ist Und es fehlt auch nicht an Anzeichen, daß diese rückhaltlose und explosive jüdische Art Goethe in anderen Fällen auf die Nerven gegangen ist — seiner ganzen, sich zu immer festerer Beherrschtheit entwickelnden Natur nach gehen mußte. „Judensprache hat etwas Pathetisches", so notiert Goethe noch spät — und es ist nicht leicht abzugrenzen, wie weit das als Lob und als Tadel klingen; soll. Aber hier, wo der ungehemmte Temperamentsausbruch wirklich einer großen' Sache, dem wiedergeschenkten Augenlicht, galt, ist ihm doch die 4* 5t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.