Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 50 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab In biblischen Bildern sieht er hundertfach die eigensten Lebensbeziehungen, und noch der Greis schreibt an den jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy: „Du bist mein David; sollte ich krank und traurig werden, so banne die bösen Träume durch dein Spiel, ich werde auch nie, wie Saul, den Speer nach Dir werfen." Am wichtigsten aber ist wohl, daß das eigentliche Lebensblut des dichterischen Geistes, daß die Goethe sehe Sprache vollkommen durchsetzt ist von den Bildern und Vergleichen, den Rhythmen und Klängen des Alten Testaments. Victor Hehn hat in einem berühmten Aufsatz über Goethe und die Sprache der Bibel einen wuchtigen Griff in die wahrscheinlich unerschöpfliche Fülle von Goethes Sprachwendungen biblischer Abstammung getan. Und neben Evangelien, Apokalypse und Apostelbriefen, und noch häufiger als sie, sprechen da zu uns die Bücher der Genesis, die Bücher Samuelis und der Könige und vor allem die Propheten, und selbst so entlegene Bibelabschnitte wie der vom Drachen zu Babel haben in Goethes Sprachphantasie ihre Spuren hinterlassen. Aus der Seelengewalt altjüdischer Extase wachsen aber auf dem Wege über das Lutherdeutsch Goethe die wesentlichsten Ausdrucksmittel seiner neuen großen Lyrik zu. Die Psalmen und die Propheten lehren ihn die Sprache ihrer Inbrunst Hermann Cohen hat darauf hingewiesen, daß die schrecklich großartige Wendung des Mignonliedes „Es brennt mein Eingeweide" aus den Psalmen und aus Jeremias stammt1; — Das Alte Testament als ein Dokument großartig dichterischer Kräfte, das heißt unmittelbarster, sinnlichster Weltanschauung unter stärkstem innerlichen religiösen Auftrieb, — die Bibel in solchem Sinne war ihm wie dem ganzen jungen Geschlecht von Sturm und Drang durch Herder erschlossen worden — ein großartiges Stück Volksdichtung! Und Goethe kostete seine Gewalt mit tiefstem Nachgefühl aus und fand sich selbst zu einer Übersetzung des „Hohen Liedes" im Rhythmus des Originals hingerissen — ganz abseits von allen theologischen Ausdeutungsversuchen, ganz als das, was es in Wahrheit ist: „Die herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott erschaffen hat" So tief also zweifellos Goethes Erschütterung durch das altbiblische Judentum war und so gewiß uns gelten muß, daß bei der unausgesetzten Einwirkung der biblischen Bücher der Wesenszusammenhang zwischen der heutigen Judenheit und den Schöpfern jener großen Bücher nicht völlig geschwunden sein kann, so ist damit doch durchaus noch nicht bewiesen, daß dieser Zusammenhang auch im Bewußtsein Goethes lebendig und wirksam war. Unleugbar hat es Augenblicke gegeben, wo ihm im Gegenteil der Abstand zwischen dem 50