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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-04-01
Page
49 (sequence 7)
Language
German
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Goethe und die Juden und Lebemenschen ist ja nicht gerade tief, und auch der Stoiker deck sich mit dem Christen mehr in äußeren Merkmalen als im innersten religiösen Wesen. Es sind konventionelle Vorstellungen, mit denen Goethe hier arbeitet, und in bezug auf den Juden hat er eben in vielen unbetonten und unkritischen Wendungen sich einfach dem mittelalterlichen Sprachgebrauch überlassen. IIL Bleiben also die sozialen Eindrücke, die Goethe vom Judentum empfängt, lange Zeit und zum Teil dauernd im Rahmen rein konventioneller Auffassung stehen, so muß er mit Notwendigkeit zu viel persönlicheren Erlebnissen kommen, wo es sich um die großen literarischen Dokumente des Judentums handelt Denn durch das stärkste seiner Talente war er ja bestimmt, den im Wort geformten Geist mit ursprünglichster Leidenschaft zu erfassen. So spielt denn eine gewaltige Rolle in Goethes ganzem geistigen Leben und Wirken das Grundbuch der jüdischen Kultur: die Bibel, das Alte Testament Den Knaben hat es gewaltig erregt, hat ihn zu seinen ersten dichterischen Versuchen, dem Josephepos, begeistert Und noch dem Manne, der den gewaltigsten Auftakt für sein persönlichstes Werk suchte, hat das Buch Hiob die Vorlage geliefert für den Prolog im Himmel, der den „Faust" eröffnet Und minder auffällig aber bedeutsamer noch ist ja, daß die zu innerst entscheidende Wendung, mit der schon in dem großen Gesang der Engel der wahre Erlösungsweg des Menschen angedeutet wird, einer biblischen Prägung entnommen ist: Wie Elia auf dem Berge Horeb Gott nicht im Sturm und Ungewitter, aber im sanften Sausen erkennt, so verehren die wahren Gottesboten nicht die Stürme und die Unwetter, sondern das „sanfte Wandeln deines Tags". — Auch das Gesamtschauspiel der Bibel, das Schicksal des Volkes Israel, hat Goethe stark beschäftigt und mehrmals hat er versucht, den Sinn dieses großen Vorgangs in konzentrierter Nacherzählung herauszuheben. Aber keineswegs nur literarisch spielt die Bibel eine Rolle in Goethes Dasein. Sie dringt tief in sein tägliches Leben ein. Er entzieht sich nicht dem frommen Aberglauben, Orakel zu finden durch Aufschlagen des Buches, und wenn er als Student in Straßburg einzieht, so findet er sich auf solche Art das herrliche Prologwort seines neuen Lebens im Jesaia: „Mache den Raum deiner Hütte weit und breite aus die Teppiche deiner Wohnung, spare sein nicht; dehne deine Seile lang und stecke deine Nägel fest, denn du wirst ausbrechen zur Rechten' und zur Linken." 4 49

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