Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 48 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab „Dichtung und Wahrheit", wo keineswegs ohne Sympathie, von „einem alten blinden Betteljuden aus dem Ysenburgischen" berichtet wird, an dem Jung- Stilling eine erfolgreiche Augenoperation vorgenommen hat Wie ganz äußerlich vielfach die Goethesche Vorstellung vom Juden an das mittelalterliche Kostüm geknüpft ist, beweist übrigens auch eine andere Stelle aus „Dichtung und Wahrheit" (im Märchen „Der neue Paris"), wo es heißt: „Auch ein ehrwürdiger Bart um wölbte sein Kinn, daher ich ihn für einen Juden zu halten geneigt war." Im „Wilhelm Meister" neckt man den Helden, weil er keinen Zopf trägt: man werde ihn für einen Juden halten. Und eben da gibt es beim Theateu fertige Kostüme für „Pfaffen, Juden und Zauberer", und das Fach, in dem der ,,Pedant" exzellieren soll, wird umschrieben „als Juden, als Minister und überhaupt als Bösewicht". — So unpersönlich fest waltet die alte Typologie! Daß der Jude aber überhaupt als unterstes Glied der mittelalterlichen Hierarchie in Goethes Sprachgebrauch häufig funktioniert, sowie man nach indischem Sprachgebrauch „Paria" oder nach griechischem „Helot" sagen würde, das belegt uns am sichersten eine Stelle aus dem 17. Buch von „Dichtung und Wahrheit", in dem der deutsche Gesellschaftszustand geschildert wird mit den Worten: „Einem gewissen Behagen günstig war, daß von dem Höchsten bis zu dem Tiefsten, von dem Kaiser bis zu dem Juden herunter, die mannigfaltigste Abstufung alle Persönlichkeiten, anstatt sie zu trennen, zu verbinden schien." Wenn Goethe noch im Alter äußert: „Es sind närrische Spezifikationen: Heidentum, Judentum, Christentum! Juden gibt es unter den Heiden: die Wucherer; Christen unter den Heiden: die Stoiker; Heiden unter den Christen: die Lebemenschen", so zeigt das nichts als den mittelalterlich konventionellen Sprachgebrauch, dem er sich immer noch zuweilen ganz bedenkenlos überließ. Der Jude als Wucherer, das war eine stehende Figur in jener Zeit, da die Juden beinahe nur durch Geldgeschäfte mit den anderen in Berührung kommen konnten. Der Zustand galt, als Goethe diese Äußerung tat, ja selbst längst nicht mehr, und kein halbwegs Vernünftiger kann meinen, daß Goethe damit ausdrücken wollte, daß alle Juden Wucherer sind, oder daß Wuchern die Haupteigenschaft des jüdischen Menschen ist Es handelt sich vielmehr hier um sehr leicht hingesetzte Charaktertypen, mit denen gerade die Unzulänglichkeit der üblichen Unterscheidungen dargestellt werden sollte. Auch die Gleichsetzung von Heiden 48