Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 47 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896702--00922-2896778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Goethe und die Juden ernsthafter Weise führt er das darauf zurück; daß bei Tisch Einsiedel und sein Nachbar . . . unendlich absurde Gespräche geführt hätten. In seinem Antwortbrief vom 12. schreibt Goethe: „Dein schlecht verdautes Abendessen beklage ich. Es ist freilich schwer, sich in Geduld zu fassen; man muß aber bedenken, daß es nur eines Betteljuden bedarf, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen." Diese Stelle ist von dem Herausgeber Guhrauer beim ersten Erscheinen des Briefwechsels (Brockhaus i854) sehr bedauerlicherweise weggelassen worden. Ob diese Streichung nun auf einen allzu zarten Takt der Goetheschen Erben oder auf eine willkürliche Entscheidung des Herausgebers zurückgeht, sie bleibt in jedem Fall ein Musterbeispiel jener falschen Schonung, mit der man stets das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen will. Die Stelle ist selbstverständlich später in der großen Ausgabe der Goetheschen Briefe doch mit abgedruckt worden, und dann hat Chamberlain in seinem Goethebuch einen großen Lärm erhoben über die jüdischen Verfälschungsversuche von Goethes wahrer antisemitischen Meinung. Die Heftigkeit der darüber geführten Debatte scheint mir um so törichter, als noch nicht einmal bewiesen und sachlich notwendig ist, daß die nichtgenannte Person, die mit Einsiedel das absurde Gespräch führte, ein Jude war, und daß Goethe sie mit seinem Wort speziell charakterisieren wollte. An der Absurdität des Gesprächs hatte ja offenbar Herr von Einsiedel, der gewiß kein Jude war, ebensoviel Anteil wie sein Partner. Die ganze Goethesche Wendung klingt aber überhaupt nach einer sprichwörtlichen Redensart, die besagen will, daß der beste Mensch wehrlos ist gegen Verdruß, den ihm der Dümmste und Gemeinste bereiten kann. Etwa im Sinne des Hehbelschen Verses: „Fürchte die schlechte Fliege, sie kann den edelsten Wein Dir Doch verderben; sie fällt eben hinein und ersäuft." Der Jude, als der nach mittelalterlichem Begriff feststehende Ausdruck für das unterste Geschöpf in der sozialen Weltordnung, wird im Anschluß an die Situation des Neuen Testaments dem Gott, dem erhabensten Wesen, gegenübergestellt, um den gemeinten Kontrast so kraß als möglich herauszuarbeiten. Die Goethesche Aeußerung ist also wahrscheinlich eine sprichwörtlich übernommene Äußerung des Unwillens, die eine persönliche Goethesche Stellungnahme weder einem bestimmten Juden gegenüber noch zu den Juden überhaupt enthält — Daß Goethe das Wort „Betteljude" rein konventionell und ohne alle beschimpfende Absicht anwendet, beweist deutlich die Stelle im 16. Buch von 47