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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-04-01
Page
46 (sequence 4)
Language
German
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Julius Bab tere Vorstellungen vom Juden hegt, als die jungen Leute seiner Zeit, und es ist eine törichte Empfindlichkeit hier, eine gehässige Entstellung dort, etwas wie persönlichen Goetheschen Antisemitismus darin zu suchen, daß der Knabe sich in einer verulkenden Nachahmung des auffälligen jüdischen Jargons gefällt, und der junge Mann in übermütiger Laune eine Judenpredigt stilisiert, die in Ton und Inhalt ungefähr nachäfft, was er von Tonart und Gesinnung jüdischen Wesens selbst aufgeschnappt oder erzählt bekommen hat Ein derartiges Plätschern im Wasser der Tradition ist aber für Goethe nicht etwa mit seinen Jugendjahren völlig abgetan. Die Ökonomie des Lebens verlangt es, daß jeder, auch der größte Mensch, an hundert einzelnen Punkten, die für sein Lebenswerk nicht von entscheidender Wichtigkeit sind, sich einfach von der Tradition tragen läßt und ihre Formeln bequem übernimmt Warum hätte Goethe, in dessen engeren und eigentlichen Wirkungskreis das Judenproblem ja durchaus nicht fiel, nicht in vielen gleichgültigen Momenten einfach im Denk- und Sprachgebrauch seiner Jugend bleiben sollen? Wenn also der Jude in seinen Reden und Briefen nicht selten auftaucht als der bestimmte, nicht sehr schätzbare, etwas groteske Typ — der Geldverleiher, der Pferdehändler, der Mann mit dem großen Bart — wenn es heißt, einer habe sich benommen „wie ein rechter Jude", so ist das einfach Jargon des Mittelalters und hat, von Goethes Persönlichkeit aus gesehen, weder positive noch negative, sondern gar keine, nämlich konventionelle Bedeutung. Der „Faust", in dem ja das Mittelalter nun freilich bewußt getragenes Kostüm ist, unterstreicht solchen Sprachgebrauch, wenn es im ersten Teil heißt: Es ist ein allgemeiner Brauch, Ein Jud* und König kann es auch. oder im zweiten: Der Jude wird mich nicht verschonen, Er schafft Antizipationen, Die speisen Jahr um Jahr voraus. Keineswegs muß hinter jeder solcher Sprachwendung ein persönliches Goethesches Sentiment gesucht werden. Sogar die viel zu viel diskutierte Briefstelle an Knebel „Ein Betteljude genügt, um einen Gott am Kreuz zu verhöhnen", ist vielleicht nichts als eine typische Unwillensäußerung mittelalterlichen Gepräges. Bei dieser Briefstelle handelt es sich darum, daß Knebel unter dem ii. Januar i8i4 an Goethe schreibt, ihm sei ein Abendessen bei Herrn Starke sehr schlecht bekommen, und in offenbar mehr launiger als medizinisch 46

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