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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-04-01
Page
45 (sequence 3)
Language
German
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Goethe und die Juden Zeit Und Genialitat besteht niemals darin, eine von aller Bindung freie neue Welt aufzumachen, sondern immer nur darin, den übernommenen Lebensstoff zu einer neuen, bedeutsamen Gestalt umzubilden. Dabei ist der Zusammenhang mit dem Naturgegebenen und Geschichtsgegebenen noch bedeutend fester für das künstlerische als für das geistig kritische Genie. Mit ganz anderer Starke kann sich zum mindesten an einzelnen Punkten ein großer Schriftsteller wie Voltaire oder Lessing oder Shaw von Gewohnheiten und Meinungen seiner Zeit frei machen, während ein Dichter wie Goethe, trotz aller auch in ihm wohnenden geistig kritischen Kraft, viel fester mit dem überlieferten Weltmaterial verknüpft bleiben muß, das er erst allmählich mit seiner Eigenart durchdringen und zu einem neuen Gesamtsinn ausprägen soll. So ist auch eine ganze Menge von Goethes Empfindungen und Aeußerungen den Juden gegenüber durchaus nicht in dem bestimmten Sinne seiner einzigen und neuen Persönlichkeit goethisch, sondern einfach Konvention des Jahres 1750. Die Juden leben noch im Ghetto, sie stehen noch völlig außerhalb der europäischen Gesellschaft, deren konfessionell christliches Band sich in diesem Sinne erst eben zu lockern beginnt Die Arbeit der Aufklärung, die einen anderen Maßstab für Menschenwertung sozial durchsetzen will, ist eben erst im Beginn; aus allem, was er hört und sieht, dringt also auf den beginnenden Goethe gut mittelalterliche Tradition in Fülle ein und bemächtigt sich seiner Vorstellung vom Juden. Die mittelalterliche Kaiserstadt Frankfurt besaß solche Judengasse in sehr ausgeprägter Art, und deutlich genug beschreibt der Knabe Goethe seinen Eindruck: „Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war. Dabei schwebtendie alten Märchen, wie Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds „Chronik" grüßlich abgebildet gesehen, düster vor dem jungen Gemüt. Und wenn man gleich in der neuen Zeit besser von ihnen dachte, so zeugte doch das große Spott- und Schandgemälde, welches unter dem Brückenturm an einer Bogenwand, zu ihrem Unglimpf, noch ziemlich zu sehen war, außerordentlich gegen sie; denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillon, sondern aus öffentlicher Anstalt verfertigt worden." Es wäre eine naturlos sentimentalische Vorstellung, wollte man es auch nur für möglich halten, daß der unter solchen Bedingungen aufwachsende Knabe einer Frankfurter Patrizierfamilie zunächst andere, edlere oder gerech- 45

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