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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 39

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Über die Haggadah
Date
1926-04-01
Page
39 (sequence 6)
Language
German
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Ueber die Haggadah sich in noch späterer Zeit das schon oben erwähnte »Zahlenlied" und „Lied vom Lämmchen", die heute den Schluß der Sederfeier bilden." *) Die naive Gläubigkeit, die die Blätter der Haggadah erfüllt, sowie die Erinnerung an die mannigfachen Verfolgungen, die häufig gerade an den Sederabenden über die jüdische Glaubensgemeinschaft hereinbrachen, haben die Haggadah zum Volksbuch der Juden werden lassen. Das kommt äußerlich sowohl darin zum Ausdruck, daß die Haggadah schon früh — mit Billigung hervorragender rabbinischer Autoritäten — in die Landessprache übersetzt wurde 2), wie in der Häufigkeit, mit der man die Haggadah schrieb bzw. druckte. Gibt es doch nicht weniger als rund iooo verschiedene Druckausgaben. Die Volkstümlichkeit zeigt sich ferner in der großen Zahl der Erläuterungen (Kommentare), von denen eine der bekanntesten die des R. Eleasar b. Jehuda aus Worms (einer berühmten Autorität um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts) sowie die des Don Isak Abarbanel ist, der 1492 mit seinen Glaubensbrüdern aus Spanien vertrieben wurde Wie beliebt die Haggadah war, kommt endlich auch in dem Eifer zum Ausdruck, mit dem die jüdischen Mystiker der verschiedensten Länder und Jahrhunderte die mannigfachen Symbole des Abends sowie den Text der Haggadah deuteten und als Beleg für ihre aus tiefer Frömmigkeit geborenen, mystischen Lehren benutzten. Nirgends aber zeigt sich die Verknüpfung der Haggadah mit dem Leben der Juden so anschaulich, so vielseitig und so lebendig, wie auf dem Gebiete der jüdischen Handschriftenillustration. Die Sofrim (Schreiber), die im Mittelalter eine bei den Juden hochangesehene Zunft bildeten, und denen nicht nur die Schreibung der Handschriften, sondern auch vielfach ihre Ausschmückung oblag — sowie die Herstellung der Farben, ja sogar die Pergamentbereitung —, entfalteten bei der Haggadah einen besonders lebhaften Wetteifer. Mit ehrfürchtiger Bewunderung ruht der Blick des Beschauers auf den prächtigen Miniaturen der Handschriften, die uns als Zeugnisse jüdischer Kunstfertigkeit überkommen sind und sich teils in öffentlichen Sammlungen, zum größeren Teil aber in privaten Händen befinden. Man unterscheidet ent-!) Das sogen. „Chassal ssiddur Pessach" . . . (der Schluß eines im n. Jahrhundert entstandenen Gedichts über das Pessachritual) ist vermutlich in der Mitte des i4- Jahrhunderts in unsere Haggadah eingedrungen. s) Ahron hakohen aus Lunel (im x&- Jahrhundert) hebt diese Sitte lobend von den englischen Juden hervor (Mose Isseries in Tur Orach Chajim ^73), desgl. Kolbo a. a. O. Schon im „ha-Pardes von Raschi" (io£o—no5) heißt es, daß man die ersten Stücke „ha lachma" und „ma nischtana" in die Landessprache übersetz». 39

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