Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Über die Haggadah
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 37 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber die Haggadah Kurz vor dem Feste waren die von den Behörden nach dem Winter eigens dafür instandgesetzten Straßen belebt von den Zügen der Wallfahrer, die aas der Nähe and aus der Ferne in der heiligen Stadt zusammenströmten. Auf dem geweihten Boden des Tempels traf sich der kleinasiatische Jude mit dem alexandrinischen und dem syrischen, ja, selbst aus der Kyrenaika und Babylonien wanderte man durch die im Frühlingsgewande prangende Landschaft mit festlich gestimmter Seele zu der heiligen Statte. Wie groß die Zahl der Wällfahrer bisweilen war, wissen wir aus talmudischen Quellen und insbesondere aus Josephus, der berichtet, daß kurz vor Ausbruch des jüdischen Krieges (um das Jahr 65 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung) die Zahl der geopferten Pessachlämmer 265 5oo betragen hätte. J. Lewy1), dem ich in diesen Ausführungen im wesentlichen folge, zieht daraus nachstehenden Schluß: „Nun kamen auf jedes Lamm mindestens zehn Personen, öfter aber sogar 20, so daß damals gegen drei Millionen in Jerusalem anwesend gewesen sein müssen." An das Opfer, das mit Rücksicht auf die Menge der Erschienenen in drei Abteilungen dargebracht wurde, schloß sich nach Eintritt der Dunkelheit das gemeinsame Mahl. Auch Arme waren willkommen; man pflegte in Jerusalem als Einladung einen Teppich vor die Tür zu hängen. Waren alle Plätzo an der Tafel besetzt, wurde der Teppich ins Haus genommen. Aus talmudischer Zeit erfahren wir, daß man bei geöffneter Tür die Worte sprach, mit denen man damals den Seder einleitete, die wir heute aber erst nach dem Segensspruch über den ersten Becher zu sprechen pflegen: „Dies ist das Brot der Armut, das unsere Väter in Ägypten gegessen haben, jeder, der hungrig ist, komme und esse mit uns . . ." Wir besitzen in der Mischnah, die um das Jahr 200 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung redigiert wurde, im 10. Kap. des Traktats Pesachim bereits den Grundstock der uns heute vorliegenden Haggadah, so z. B. das schon einmal erwähnte „Ma niscktana" (in allerdings abweichender Form), die Sitte, die sogen. Hallelpsalmen vor bzw. nach der Mahlzeit zu sprechen, sowie endlich) den Brauch, vier Becher Wein zu trinken. Die Antwort des Hausherrn, der gewöhnlich den „Seder gab", auf die in dem „Ma nischtana" (in späterer Zeit meist von dem jüngsten Kind) aufgeworfenen Fragen nach der Bedeutung der seltsamen Bräuche dieses Abends stand ursprünglich nicht fest Nur als Richtschnur wurde die Forderung aufgestellt, mit der Erzählung von der „Erniedri- *) J. Lewy, Ein Vortrag über das Ritual des Pessach-Abends, Breslau 1904. 37