Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Über die Haggadah
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 36 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruno Italiener bedeutet (von dem im 2. B. M. Cap. i3, V. 8 erwähnten hebräischen Worte „W'higad'to" „Und du sollst erzählen") eine noch viel tiefere Bedeutung. Die Haggadah erzählt nicht nur von dem Auszug aus Ägypten, sondern auch von dem wunderbaren Gang Israels durch die Geschichte der Zeiten. Der wandernde Jude ist es, der vor dem sinnenden Auge ersteht, der Jude, der „die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand" durch die Welt zog, der die verschiedensten Kulturen werden und vergehen sah, von allen etwas empfing und doch sein Ureigenstes, sein religiöses Gepräge, niemals verloren hat Dieses kommt, wie schon gesagt, besonders lebendig auch in der Sederfeier zum Ausdruck; fremde Sitten haben sie mit gestaltet, und dennoch ist sie auf das tiefste in der jüdischen Religion verankert, ist sie geboren aus Jahrtausende alter jüdischer Tradition. Die letzten Wurzeln der Sederfeier gehen zurück auf die Vorschrift des 2. B. M. Kap. 12, V. 3 ff., das am Feuer gebratene Fleisch eines Lammes, das ursprünglich wohl daheim von dem Hausvater, später von dem Priester im Tempel zu Jerusalem geopfert war, im Familienkreise, der durch Hinzuziehung von Verwandten und Freunden erweitert war, mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräutern zu genießen (vergl. auch 5. B. M. Kap. 16, V. 1 ff.). Wie gewissenhaft man in alten Tagen, d. h. zur Zeit des zweiten Tempels (also in dem letzten vorchristlichen und im ersten nachchristlichen Jahrhundert) die auf das Pessachfest bezüglichen Vorschriften beachtete, davon zeugt die Tatsache, daß die dem Feste voraufgehenden Wochen unter dem Zeichen der Vorbereitung standen. Vier ausgezeichnete Sabbathe, die heute noch in der Synagoge besonderen Charakter tragen, sollten auf das nahende Fest hinweisen; einige Wochen vor Pessach fanden in den Lehrhäusern darauf bezügliche Vorträge statt, die später auf den letzten Sabbath vor dem Feste verlegt wurden, der deshalb den Namen „der große Sabbath" erhielt Nebenbei sei erwähnt, daß die christliche Barche diese Sitte übernommen hat Den ausgezeichneten Sabbathen entsprechen sechs ausgezeichnete Sonntage vor Ostern, mit denen die Fastenzeit die sogen, quadragesima (4o. Tag vor Ostern) beginnt Der Samstag vor Ostern wurde im Ritual der Kirchenväter „der große Sabbath" genannt, wie das Osterfest selbst von der Kirche, dem jüdischen Pessachfest entsprechend, bis zum 11. Jahrhundert acht Tage lang gefeiert wurde.1) *) Loeschke, Jüdisches und Heidnisches im christlichen Kult, Bonn 1910, desgl. Venetianer, Jüdisches im Christentum in Zieglers Volksschr. über die jüdische Religion, Frankfurt a. M. iqi3. 36