Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Über die Haggadah
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 35 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruno Italiener: Ueber die Haggadah Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern- Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von den symbolischen Gerichten gekostet, so wie alsdann auch Stückchen von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weins getrunken werden. Wehmütig heiter, emsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Passahklänge zufällig ins Ohr dringen." (Der Rabbi von Bacherach, i. Kap.) Dieser den Sederabenden innewohnende Reiz wird erst recht verständlich, wenn man sich in die Geschichte dieser Abendfeier versenkt Jahrtausende haben an ihrer Ausgestaltung mitgewirkt, die verschiedensten Kulturen dazu il...;i Beitrag geliefert Griechischer Brauch, wie er uns in Piatons „Symposion" anschaulich vor Augen tritt, wird lebendig, wenn wir den Hausherrn, nach dem Recht des freien Mannes auf Kissen gelehnt (Sklaven durften bei der Tafel nicht liegen) dankend den mit Wein gefüllten Becher zum Lobspruch Gottes erheben sehen.1) Eine Nachahmung der Römer ist es (die zur Kaiserzeit den sogen. Gustus, bestehend aus Eiern, rohen Kräutern und insbesondere Lattich als Vorkost zu essen pflegten), wenn als erstes Gericht grüne Kräuter, bestehend aus Lattich oder Petersilie, genossen werden. Babylonischer Einfluß hat dem Anfang des „Ma nischtana", jenem bekannten Stück der Haggadah, in dem das Kind seiner Verwunderung über die bei der Sederfeier geübten Bräuche Ausdruck verleiht, erst die von dem Text der (in Palästina entstandenen) Mischnah abweichende Form gegeben, die der Abschnitt heute noch besitzt; und die beiden letzten Lieder endlich, das sogen. „Zahlenlied" und das „Lied vom Lämmchen", mit denen die Haggadah in unserem Ritus endet, stammen aus deutschen Volksliedern, die, ins Hebräische bzw. Aramäische übertragen, erst nach dem i5. Jahrhundert in die Haggadah aufgenommen wurden. So gewinnt das Wort „Haggadah", das „Erzählung" *) E. Baneth, Der Sederabend. Berlin 1904, S. 27. 3: 35