Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Gottesbeweise
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 28 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Driesch Emanatorischen Theismus nennen wir die Lehre vom Gotte. welcher ein festes Wesen (essentia) hat und dieses Wesen im Weltprozesse gleichsam aus intensiver Mannigfaltigkeit in räumlich-zeitlich extensive Mannigfaltigkeit zerlegt Es gibt da einen Anfang und ein Ende der Welt und der Zeit; es mag neben der zeitlichen Phase der Gottesentfaltung, der „Welt", zeitlose Phasen dieser Entfaltung geben, von denen wir uns kein Bild machen können. Abarten des emanatorischen Theismus entstehen, je nachdem man sich den ersten „Entschluß" zur Entfaltung auch als im Wesen Gottes determiniert, oder als echt frei denkt Auch im zweiten Falle folgt, wohlverstanden, das Sosein der Welt aus dem fest gegebenen Sosein Gottes; nur ihr Dasein wäre die Wirkung freier Tat Spinoza lehrt emanatorischen Theismus im Sinne durchgängiger Bestimmheit, auch mit Rücksicht auf Dasein: Ist Gott und ist er „so", so muß die Welt so sein und da sein. Schelling in seiner letzten Phase, und wohl auch Plotin, lehren dagegen Emanation mit Freiheit des Daseinsentschlusses. Was den emanatorischen Theismus von dem, was wir Pantheismus nannten, scharf trennt, ist die Lehre, daß Gott ein Wesen hat, ein Wesen, welches intensiv die Welt und alle etwa möglichen anderen Phasen der Wirklichkeit zusammenfaßt Eben dieses Wesens wegen ist Gott hier nicht etwa gleich der Welt, so daß also von einem Welt-Gotte nicht geredet werden darf. Im Rahmen des echten Pantheismus dagegen ist Gott jeweils, insofern Welt ist. Im Rahmen der Emanationslehre ist er zwar actu jeweils ebenfalls als Welt, d. h. insofern als Welt da ist, aber potentia ist er mehr, und als Voll-Gott ist er in jedem Weltaugenblicke ganz darin. Man kann ihn zwar nicht von der Welt „trennen" — vorausgesetzt, daß das „praktisch" möglich wäre, wohl aber kann und muß man ihn als Voll-Gott gedanklich von ihr absondern. Deshalb eben nennen wir die Lehre Theismus. Der kreatorische Theismus arbeitet mit der „Schöpfung", so wie Judentum, Christentum und Islam sie lehren. Gott hat ein Wesen; durch ein „Es werde" stellt er neben sich die Welt, fähig, sie jeden Augenblick zu vernichten, so daß neben ihm „Nichts" wäre. Gott ist hier aber nicht actu als Welt und nur potentia, als Voll-Gott, mehr als Welt, sondern er hat mit der Welt, wenn sie einmal da ist, ebensowenig wesenhaft gemein wie ein Tischler mit einem von ihm gefertigten Tisch. Gott und die Welt sind Zwei, in nicht nur gedanklichem, sondern praktischem Getrenntsein. 28