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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 15

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-04-01
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Völkischer Antisemitismus die ganze Schrift auf gerollt werden. Denn hier offenbart sich echte Leidenschaft, die treibend and formend hinter dem ganzen Apparat der Argumente steht Dieses nicht weiter analysierbare Gefühl der Unerträglichkeit gegen Juden in leitenden Staatsstellungen gilt Stapel als ein besonders wertvoller Ausdruck seines Deutschtums. „Die Empfindlichkeit dieser instinktiven Kräfte," so schreibt er etwas später, „wollen wir uns niemals durch allgemeine logische Erörterungen betäuben lassen." Damit hat Stapel selbst den Charakter seiner Schrift charakterisiert: sie ist eine Apologie des antisemitischen Affektes. Stapel möchte die Empfindlichkeit der instinktiven Kräfte vor der grausamen Helle der Logik bewahren, und gleichzeitig aus diesen absichtlich im Halbdunkel gehaltenen Kräf ten mit den Mitteln der Logik gegen die heutige Stellung der Juden argumentieren. Er will naiv bleiben in seinem antisemitischen Grundgefühl, aber indem er das will, hebt er die Naivetät auf. Nein, wer so viel theoretisiert und argumentiert wie Stapel, der hat die Unschuld seiner instinktiven Kräfte längst verloren, ob er sie auch noch so stark beteuert Stapel möchte eben den Antisemitismus als Urtatsache deutschen Seelenlebens hinstellen, und gleichzeitig bemüht er sich mit philosophischen Theorien über Individuum und Volk, die Rechtmäßigkeit dieser Gemütsverfassung zu erweisen. Gegen ein antisemitisches Gefühl läßt sich nichts vorbringen; gegen eine antisemitische Philosophie — alles. Und ohne eine solche kommt auch der völkische Antisemitismus nicht aus. Er muß, wenn er fordernd in die politische Welt eingreifen will, Ideen entwickeln. Er muß die ihm entgegenstehenden Ideen widerlegen, und die Unzulänglichkeit gegebener Lebensverhältnisse an der Überlegenheit seiner Ideale erweisen. Damit aber hat er die Sphäre des bloß Instinkthaften verlassen und sich den Gesetzen des Logos unterworfen. Jetzt hat es sich zu entscheiden, ob seine Voraussetzungen zutreffen, ob die Tatsachen, auf die er sich stützt, richtig bewertet sind, und ob seinen Argumenten Beweiskraft innewohnt — Li diesem Sinne will ich Stapels Schrift „Antisemitismus" prüfen. Logisches Vorspiel. Alle Theorien des modernen Antisemitismus versuchen, zu beweisen, daß Deutsche und Juden im Entscheidenden ihres Daseins unüberbrückbar geschieden sind. Zuerst galt als das Entscheidende die Rasse. Die Unzulänglichkeit der rassentheoretischen Begründung des Antisemitismus hat sich im Laufe \5

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