Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896699--00886-2896745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Julius Goldstein gegenüber dem Rassenantisemitismus getan habe, -ist jetzt gegenüber dem völkischen Antisemitismus zu geschehen. Hier liegen aber besondere Schwierigkeiten: die literarische Produktion des völkischen Antisemitismus ist viel uneinheitlicher als die des Rassenantisemitismus; sie ist verschwommen in ihren Begriffen, schwankend in ihren politischen Forderungen. An welche Schrift soll man sich halten? Mit den völkischen Erzeugnissen der Gasse sich einzulassen, hat keinen Wert — „Wirbelwind und trockenen Kot, laß sie dreh'n und stäuben". Unter allen Erzeugnissen dieser Literatur habe ich schließlich eine Schrift ausgewählt, die — instar omnium — mir am besten geeignet zu sein schien, die Argumente des völkischen Antisemitismus darzulegen und zu prüfen. Es ist die an Umfang geringe Schrift von Wilhelm Stapel: „Antisemitismus". Sie hat viele Leser gefunden und gilt gerade in jenen Kreisen, die sich von der Ungezogenheit und Unerzogenheit der antisemitischen Tagesliteratur fernhalten, als das Beste und Unangreifbarste, was sich über diesen Gegenstand sagen läßt In der Tat unterscheidet sich die Arbeit Stapels vorteilhaft von der landläufigen Behandlungsweise des Themas. Sie ist vornehm und zurückhaltend im Ausdruck; sie enthält sich nicht nur aller abwertenden Urteile über Juden und Judentum, sie konzediert dem Juden manchmal so viel, daß man auf Augenblicke vergißt, einen antisemitischen Schriftsteller zu lesen. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seines Erfolges. Stapel ist kein Polterer. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Durch viele Seiten hindurch scheint es., als ob er sich nur abmühe, den Begriff des Volkes, das Verhältais des Einzelnen zum Volk philosophisch zu bestimmen; schon will sich die Frage aufdrängen, was alle diese akademischen Erörterungen eigentlich bezwecken, zumal mehrfach betont wird, daß die staatsbürgerlichen Rechte der Juden durchaus nicht angetastet werden sollen — bis man plötzlich (p. 21) auf den Satz stößt: „Es ist mir unerträglich, die Geschicke meines Volkes von Juden geleitet zu sehen." Wie? Las man nicht eben, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden sollen durchaus nicht angetastet werden? Zu diesen staatsbürgerlichen Rechten gehört doch wohl auch, daß ein deutscher Jude nach Maßgabe seiner Befähigung auch in jene Stellungen aufrücken darf, von denen aus die Geschicke des Volkes mitbestimmt werden. Und nun dieser Satz: „Es ist mir unerträglich, die Geschicke meines Volkes von Juden geleitet zu sehen." Jetzt ist die Situation klar. Von diesem Satz aus müssen alle philosophischen Erörterungen über Volk, Individuum J. G. Fichte gewertet werden: von diesem Satz aus muß. 14