Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Die Juden in China
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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Richard Wilhelm Wenn also in der älteren chinesischen Geschichte eine direkte Beziehung zwischen Israel und China sich nicht nachweisen läßt, so ist doch bemerkenswert, daß die Basis der chinesischen und der israelitischen Kultur sehr viele gemeinsame Züge hat und daß gerade in den Jahrhunderten, in denen die großen Propheten in Israel wirkten, auch in China ein Laotse und Kungtse auftraten und der chinesischen Kultur ihre Richtlinien für die Zukunft gaben. Es verdient dabei besonders auf das Werk des Kungtse hingewiesen zu werden, der ganz ebenso wie das israelitische Gesetz auf die Kindesehrfurcht als die Grundlage der menschlichen Gesellschaft hinweist So ist es gekommen, daß in beiden Kulturen das Familienleben eine so schöne und zentrale Stellung hat Und merkwürdiger Weise sind auch die geschichtlichen Folgen dieser Einstellung in beiden Fällen dieselben gewesen. China und Israel sind die einzigen, die übrig geblieben sind aus der ganzen Schar der antiken Nationen. Völker kamen, Völker gingen, blendende Erscheinungen zum Teil und doch nicht verwurzelt in den letzten Tiefen des Lebens. Was sie hinterlassen haben, sind Trümmer von Denkmälern, an deren Verständnis sich andere Rassen und Nationen abmühen. Aber die Chinesen und die Juden leben noch heute, jugendfrisch und lebendig wie je als lebendiges Zeugnis des Segens, der auf der Befolgung des Gebotes der Kindesehrfurcht ruht Allerdings dürfen wir über diese Verwandtschaft, die auch in manchen religiösen Bräuchen sich zeigt, die charakteristischen Unterschiede auch nicht vergessen. Der alte patriarchalische Monotheismus, der an der Spitze der chinesischen Geschichte steht, verblaßte in den Stürmen und Nöten einer kriegerischen und wilden Zeit Man fragte nach Gott, aber man wurde irre an ihm angesichts des Leides und des oft unverschuldeten Unglücks weiter Volksgebiete. Der hohe Himmel droben schien nicht zu hören auf seine Kinder hier unten. Und das Leben schlug neue Bahnen ein. Man wurde nicht irreligiös. Trotz aller Versuchungen hielt man in großen Zügen an der Gerechtigkeit der Weltordnung fest Aber bei Laotse verflüchtigte sich das Göttliche ins pantheistisch-mystische Gebiet und Kungtse verehrt schweigend das Unerforschliche. In einzelnen Momenten bricht sein Gottesglaube ganz leuchtend durch. Aber sein Werk tat er hier unten auf Erden. Und so ist die Quintessenz der chinesischen Lebensweisheit der Organisation der menschlichen Gesellschaft gewidmet In der Organisation der Gesellschaft hat sie aber auch Großes erreicht Eis sind, wie heute noch viel zuwenig anerkannt wird, dauernde Meoschheitswerte, die hier ans Licht gebracht worden sind. Die israelitische 6