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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 712

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-02-01
Page
712 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen menten und Wirkungen, Kräften und Gegenwirkungen den Gang der Geschichte bestimmen." Mit souveräner Sicherheit weist Delbrück jeder Begebenheit und jeder Erscheinung die Stelle und den Raum an, die ihm innerhalb des wellgeschichtlichen Reiches jedesmal gebühren. Soweit dies im engen Rahmen einer kurzen Besprechung möglich ist, soll zum Schluß noch versucht werden, die ganze Kraft dieser Methode, die überall die reiche Mannigfaltigkeit und starke Gegensätzlichkeit im geschichtlichen Geschehen vor Augen führt und doch die Einheit darin zu finden und das jedesmal weltgeschichtlich Wesentliche an Ereignissen und Erscheinungen, das immer wieder ein anderes ist, herauszugreifen weiß, — von Delbrücks Spezialgebiet, der Geschichte der Kriegskunst, aus an einigen wichtigen Wendepunkten der Weltgeschichte aufzuweisen: Im Gegensatz zu den orientalischen Reichen hat das kleine Griechenland — zuerst in der Weltgeschichte — in der Phalanx den taktischen Körper geschaffen, kraft dessen die zahlenmäßig stärkere griechische Bürgermiliz das qualitativ überlegene persische Ritlerheer bei Marathon überwand. Wie hier politische Freiheit und staatliche Autorität, demokratisches Volksauf gebot und führende Persönlichkeit, Athen und Sparta zusammenwirken mußten, damit das Verhängnis des orientalischen Despotismus nicht die Freiheit des Westens erstickte; wie auf diesem staatlichen Fundament erst das perikleische und platonische Zeitalter erstehen konnte; wie diese selbe Demokratie, durch die Athen groß geworden, es auch zugrunde richtete, weil sie die großen Männer, deren sie zu ihrer Existenz bedurfte, auf die Dauer nicht ertrug; wie die Herrlichkeit des perikleischen Zeitalters vergehen mußte, damit das Griechenvolk unter dem Mazedonier Alexander seine eigentliche Weltmission, die Hellenisierung des Ostens, überhaupt erfüllen konnte — all das muß jeder selbst nachlesen. Es findet an Realität und Fülle der Begebenheiten und Erscheinungen, an Idealität und Kraft der zusammenschauenden Gestaltung und Größe des Stiles kaum seinesgleichen. Wie wenig einseitig, etwa vom Standpunkt des Kriegsspezialisten, Delbrück schreibt, wie umfassend und tiefschürfend er vielmehr geistesgeschichtliche Zusammenhänge an entscheidender Stelle zu geben vermag, kann man daraus ermessen, daß das wechselseitige Niederringen der griechischen Staaten nach dem Peloponnesischen Kriege, der Aufstieg Thebens unter Epaminondas auf einer Druckseite erledigt, ja die schräge Schlachtordnung nur erwähnt, ohne daß auf Wesen und Bedeutung eingegangen wird, was m.E. doch hätte geschehen sollen — dafür aber mit vollem Recht auf mehr denn 20 Seiten das platonische Zeitalter, die Philosophie, Sokrates, Plato, Aristophanes, das ganze Wesen griechischen Geistes eingehend dargestellt wird. Rom ist nach Delbrück groß geworden mit einer Staatsverfassung, deren Wesen und Stärke in einem dauernd lebendigen polarischen Dualismus zwischen strengster Autorität, repräsentiert durch Magistratur und Senat, und demokratischer Freiheit, verkörpert durch die Volksversammlung, das militärisch organisierte Volk, und das Volkstribunat, zwischen' Aristokratie und Demokratie. Auf solchem Verfassungsgrunde ist Rom zur Weltmacht emporgewachsen; aber indem das geschah, entwickelte sich mit Notwendigkeit das von zwei Bürgermeistern geführte, disziplinierte Bürgeraufgebot, bei Cannä vernichtend geschlagen, während des zweiten Punischen Krieges zum Berufssoldatentum, geführt von Feldherren. So ward die Konsulatverfassung allmählich von innen heraus aufgelöst, indem schließlich' zwangsläufig der Feldherr zum Alleinherrscher, zum Cäsar ward. Dieser usurpatorische, illegitime Charakter des Imperiums, der eine stetige Erbfolge verhinderte, führte in jahrhundertelangen Kämpfen zusammen mit einer dadurch bedingten Wirtschafts- und Währungskatastrophe zur Auflösung der römischen Heeresverfassung und damit allmählich der ganzen antiken Kulturwelt; an ihre Stelle treten die beiden Mächte, die, von der Antike selbst genährt, diese schon lange gestützt hatten, endgültig selbst: Germanentum und Christentum — das Mittelalter. Was für die antike Welt Marathon, das bedeutet Karl Martells Sieg bei Tours über die Araber für das Mittelalter: die Rettung der christlichen Kulturwelt vor der Weltherrschaft des Islam. Das Frankenreich war die letzte Barriere gegen den siegreich vorstürmenden Islam: die Kriegsverfassung in der Form der „Lehns-Vasallität" eines kriegerischen Ritterstandes war die Voraussetzung für diese Abwehr, die Delbrück „eine der größten und wichtigsten Entscheidungen der Weltgeschichte" nennt. Neben dem großen polaren Gegensatz und dem Kampf zwischen Kirche und Kaiser- 712

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