Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 711 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen. Delbrück, Hans: Weltgeschichte. Vorlesungen, gehalten an der Universität Berlin 1896/1920. — O. Stollberg & Co., Verlag für Politik und Wirtschaft. I. Teil: Das Altertum, 1924. II. Teil: Das Mittelalter, 1925. Preis: Der Band 25 Mk. Ranke schrieb seine Weltgeschichte, als das Deutsche Reich, im siegreichen Kampfe gegen Frankreich neuerstanden, geleitet ward von der starken Hand Bismarcks, als ihm durch diesen Sieg zugleich auch der Sieg der konservativen Idee über die Revolution und damit der Zusammenhang mit den geistigen Kräften der Vergangenheit gewährleistet zu sein schien. Als Delbrück an seine Weltgeschichte ging, war das deutsche Kaisertum in Weltkrieg und Revolution zusammengebrochen, und die demokratische Republik führte, im Innern durch erbitterte Partei- und Weltanschauungskämpfe tief aufgerissen, nach außen ganz in der Hand eines rachsüchtigen Siegers, notwendig ein machtloses Schattendasein. Hatte Ranke, wie er es selbst an seinem neunzigsten Geburtstage betonte, dieser inneren Zuversicht auf die sieghafte Kraft der konservativen Idee bedurft, um das große Werk der Weltgeschichte zu wagen — welche Stärke der Seele und des Geistes muß für Delbrück dazu gehört haben, um trotz diesem niederschmetternden politischen und geistigen Zusammenbruch seines Volkes doch im unbeirrbaren Glauben an die Macht des Geistes in der Geschichte und die Zukunft seines Volkes festzustehen, und an diese jetzt, schon rein wissenschaftlich betrachtet, unvergleichlich schwerere Arbeit zu gehen. Dieses Miterleben großen weltgeschichtlichen Geschehens, dieser äußere Zusammenbruch seines politischen Ideals, der dualistisch bestimmten Staatsform, muß auch auf die Abfassung der Weltgeschichte vertiefend gewirkt haben in der Richtung eines tragischen, leidgestählten, alle Wirklichkeiten ausschöpfenden Idealismus. Und da ist es von größter Bedeutung und für den Wert dieser Weltgeschichte überaus bezeichnend, daß nirgends, wie das leider in der heutigen wissenschaftlichen Welt nur zu oft noch der Fall ist, etwa der Spezialist, der Kriegshistoriker, sich einseitig, weder räumlich, noch inhaltlich, noch in der historischen Auffassung aufdrängt, sondern diese kriegsgeschichtlichen Studien vielmehr nur als das tragende Fundament dieser Weltgeschichte dienen; sodann aber um letzte Gründe und Zusammenhänge aufzudecken; um die geschichtliche Anschauung möglichst zur Totalität zu erweitern: Nicht Staatengeschichte, nicht Wirtschafts-, nicht Rechtsgeschichte, nicht Religions-, nicht Literaturgeschichte als weltgeschichtliche Summanden will Delbrück geben, — das wäre schlimmste Mechanik, ödestesVielerlei — sondern Universalgeschichte als höhere Einheit, wie sich in ihr und immer auf dem Urgrund alles menschlichen Lebens, dem Staate, der menschliche Geist in und zwischen den einzelnen Staaten, in Wirtschaft, Kunst, Philosophie, Religion, Literatur u. a., in jedem Zeitalter für jedes Gebiet verschieden nach Umfang und Wertakzent, manifestiert hat; wie aus dem Mittelpunkt dieser geistigen Totalität, dem Staate, heraus in der ewigen Wechselwirkung und polaren Spannung z. B. zwischen Staat und Nation, Staat und Individuum,'Staat und Kirche, Staat und Gesellschaft, Persönlichkeit und Masse um politische und geistige Freiheit gerungen wird, und wie „diese Gegensätze in steter Wechselwirkung mit den konstanten Grundlagen, der Geographie wie der Rassenanlage und vor allem mit der Nachwirkung, die jedes einzelne Ereignis ausübt, die neuen Kräfte, die durch Siege oder Niederlagen in den Völkern erweckt werden", wie „alle diese unendliche Fülle von Ele- 711