Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Musset und Heine
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 709 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbert Eulenberg: Musset und Heine Ein bißeben Sentimentalität war der nun einmal zu seiner weltschmerzlichen Zeit notwendige Beiguß. Aber Stendhal und Balzac, seine epischen Genossen, haben ihn an Seelenkenntnis und Erfindungskraft weit übertroffen. Einzigartig ist Musset nur in seinen Dichtungen geblieben. Seine Verse haben ihn überdauert und werden ihn, den früh Gestorbenen, der unter seiner Trauerweide auf dem Pere-Lachaise neben Rossini ruht, noch lange überdauern. Schade nur, daß grade dieser unsterbliche Teil Mussets in der sonst meist vollkommenen Übertragung von Alfred Neumann am wenigsten gut geraten ist. Schon, daß er seiner Lyrik den letzten Platz im fünften Band seiner Sammlung einräumt, der mit einem guten Lebensabriß des Dichters abschließt, beweist, daß Neumann sich nicht richtig auf diesen besten Reim- und Formkünstler der Franzosen eingestellt hat. Das Hauptgewicht war auf die Übertragung seiner Lyrik zu legen. Und hierzu waren die besten deutschen Dichter der Gegenwart heranzuziehen, wie dies jüngst noch Stefan Zweig zu seiner Übersetzung des Gedichtwerkes von Verlaine getan hat, das in mustergültiger Weise von üim herausgebracht worden ist. Neumann selber ist für Gedichte ein etwas hölzerner Übersetzer. Ich kann dies darum beurteilen, weil ich mich längere Zeit persönlich mit der Übertragung der Lyrik Mussets geplagt habe. Diese meine Übertragung ist imPropyläenverlag inBerlin erschienen. Manche der Gedichte kommen bei dem alten Freiligrath, der zuerst Musset ins Deutsche übertragen hat, noch besser als bei Neumann heraus, der darum gut auf den verlagfreien Wüstendichter hätte zurückgreifen können. Ich nehme den Anfang des bekannten Gedichtes: „Die Andalusierin". Neumann beginnt: „Saht Dir in Barcelona nie, Braunbrüstige Andalusierin?" Freiligrath setzt viel frischer ein: „Wer, der auf Barcelonas Gasse, Mein andalusisch Mädchen sah." Und so weiter. Auch geht es nicht an, daß man den „Rolla", das wundervoll und flott gereimte Meisterepos Mussets, im Deutschen in Hexameter festschnürt. Ich nehme wieder ein kurzes Beispiel und Gegenbeispiel. Zunächst Neumann: „In jener Weltstadt, wo Lüste am billigsten sind, älteste, fruchtbarste Stadt in den Lastern: Paris, war der Jacques Rolla der Wüstlinge Meister und Herr." Das Gegenbeispiel: „Von allen Wüstlingen in jener Stadt, Wo stets der Leichtsinn wunderbar gedieh, Und die seit je geglänzt in Lastern hat, Kurz, in Paris, benahm sich wohl noch nie Ein Wüstling toller als es Rolla tat." Mir scheint, man muß bei der Übertragung Mussets unbedingt den Reim und seine Form wahren, wie dies auch ein leider ziemlich unbekannt gebliebener Übersetzer Mussets, Martin Hahn, getan hat, den Neumann als der Zusammenfasser der bisherigen deutschen Arbeit, die an Musset geleistet worden ist, hätte erwähnen und heranziehen müssen. Es ist ewig schade, daß Heinrich Heine, wie ich dies schon in meiner Vorrede zu den Dichtungen Mussets beklagt habe, nicht diesen seinen französischen Zeitgenossen eingedeutscht hat. Er hätte die anmutige Leichtigkeit dazu gehabt, die Neumann nicht besitzt, der leider auch wenig Sinn für den eigentümlichen starken Humor bei Musset aufbringt, für dies lockere schnoddrige Wesen dieses ersten Boulevardiers, wie man ihn nennen möchte. Aber Heine fühlte sich, als er mit Mussets Dichtungen näher bekannt wurde, schon zu krank für solch eine Aufgabe. Ihm war damals mehr nach „Lamentationen" zumut, als nach der Übersetzung von Liedern an „Mimi Pinson" oder an „Andalusierinnen". Heine hat sich ja überhaupt als poetischer Übersetzer wenig betätigt, was um so verwunderlicher ist, weil er später die französische Sprache gleich meisterhaft wie die deutsche behandelte. Aber gesehen hat er seinen Kollegen Musset sehr richtig. Er nannte ihn den größten lyrischen Dichter des damaligen Frankreichs und stellte ihn noch vor Victor Hugo. Und auch das Übermütige, das Ganiinhafte an ihm hat Heine gleich richtig erkannt. In seinem Wintermärchen von „Deutschland" läßt er den Rhein von einer möglichen Invasion der Franzosen singen: Der Alfred de Musset, der Gassenbub, Der kommt an ihrer Spitze Vielleicht als Tambour und trommelt mir vor All seine schnöden Witze. Persönlich sind sie sich wohl kaum näher gekommen, die innerlich so verwandten Dichter. Die Freundschaft, die Heine für die Sand hegte, die nach dem Abschluß ihrer Liebschaft mit Musset dieses ungezogene Kind scheu gemieden hat, mag mit dazu beigetragen haben, daß die 709