Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Musset und Heine
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 710 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Herbert Eulenberg: Musset und Heine beiden Poeten nicht in persönliche Fühlung traten. In den letzten Jahren seines Lebens war Heine zudem bekanntlich ständig an sein Krankenlager gefesselt. Ein rührend gemeinsamer Zug zwischen beiden ist auch der, daß ihr letzter größerer irdischer Besuch, den sie abstatteten, dem Louvre galt und der Frau Venus von Milo, die vor kurzem dort aufgestellt worden war. Heine hatte sich auf einem Rollstuhl dorthin fahren lassen und dann Abschied von diesem Inbegriff der Schönheit, diesem Stück Griechenland genommen. Leider hatten sich die übrigen täglichen Besucher des Louvre ziemlich rücksichtslos und neugierig um den leidenden Dichter gedrängt und ihm mit ihrer Taktlosigkeit den letzten Gruß, den er aus verlöschenden Augen der Göttin zusandte, recht verbittert. Dem wollte Musset, der ein Jahr später dem verehrten Heine diese Visite und dann auch das Sterben nachmachte, unter allen Umständen entgehen. Er bat darum, ihn bei Nacht zu der Göttin zu geleiten. Der ihm bekannte Unterrichtsminister gestattete es und gewährte dem berühmten Dichter, besonders, weil er Mitglied der Akademie war, diese spleenige Bitte. Beim Schein einer Fackel, die alle die vielen Standbilder im Erdgeschoß des Louvre blitzhaft aus ihrem steinernen Schlummer hob, trat Musset vor die Venus hin und betrachtete . von der nämlichen Stelle, von der Heine aus die Statue bewundert hatte, ein letztes Mal diese heidnische Göttin. Ihre herrliche Brust, ihre edlen Schultern und Hüften entzückten ihn noch einmal. Alles irdisch Leidenschaftliche war damals von Musset wie von Heine gewichen. Eine grenzenlose Traurigkeit umhüllte während dieser Monate vor seinem Tode den gallischen Poeten. Selbst der Schalk, der Heine noch zuweilen über das marmorblasse Antlitz huschte, hatte Musset ganz verlassen. Es war, als hätte er nun mit seinem stets verfinsterten Gesicht einen der Hauptsätze Heines beweisen wollen, der da lautet: „Ich behaupte entgegen der allgemeinen falschen Annahme in Deutschland, daß die Franzosen gar kein heiteres Volk sind." Endlich trennte sich Musset, schon den Tod im Herzen, von seiner Venus. Daheim blätterte er noch ein wenig im ,Atta Troll", den ihm ein Pariser Freund Heines, als Gegenstück zu seinem Epos „Namenna" geschickt hatte. Und dann schrieb er, der schlaflose, vom Absinth gewiegt, kurz vor dem Morgengrauen jene Verse, die auch wenn auch weniger feierlich und ohne den Faltenwurf französischer Strophenkunst unter Heines letzten Gedichten stehen könnten: Seit achtzehn Monden läutet mir die Stunde Des Tods von allen Seiten an mein Ohr. Seit achtzehn Monden — öde offne Wunde! — Fühl* ich ihn stets und stets schwebt er mir vor. Je mehr ich gegen meine Leiden streite, So mehr erwacht dafür nur mein Instinkt, Und wenn ich einen Schritt auf Erden schreite, Stockt gleich mein Herz, das durch dies Leben hinkt. Die Kraft zu kämpfen nutzt sich ab und schwindet, Bis an mein Grab ist alles nur noch Schlacht, Matt wie ein Läufer, der sein Ziel nicht findet, Erlahmt mein Mut, schwankt und erlischt in Nacht. 710