Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Musset und Heine
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 708 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Musset und Heine Von Herbert Eulenberg Man bewundert stets aufs neue den Mut und die Ausdauer unserer Verleger, wenn es gilt, ausländische Schriftsteller bei uns einzuwurzeln und heimisch zu machen. Veranlaßt und mitbestimmt zu diesem Tun und Treiben werden sie allerdings durch die urteilslose Affenliebe, die das deutsche Lesepublikum dem Fremden und Fremdländischen darbringt. Das hat sich auch nach dem Krieg und nach dem sogenannten Schmachfrieden von Versailles nicht geändert. Das deutsche Volk fragt heute noch begieriger nach Romanen von Marguerite oder Galsworthy als nach den Werken seiner zeitgenössischen Romanschriftsteller, wie es vor einigen Jahrzehnten lechzend nach Dumas und Eugen Sue griff, um seinen Fontane im Zeitungsjoch sich abschinden zu lassen. Das ist nun einmal so und scheint auch so zu bleiben. Und mit diesem häßlichsten Fehler des deutschen Volkes muß man sich allmählich abfinden. In dieser Zeit, in der unsere bekanntesten Dramatiker keinen Verleger für ihre Stücke finden, bringt der Verlag von Georg Müller in München soeben eine prächtige neue Ausgabe der Gesammelten Werke des Herrn Alfred de Musset heraus, der allmählich etwas Altmodisches, Großväterliches für uns zu bekommen beginnt. Am ehesten fällt uns dies bei seinen Dramen und Dramoletten auf, die zwei Bände dieser Ausgabe füllen. Bei jenen leicht und unbekümmert von ihm hingeschriebenen „comedies et proverbes", die er zum Teil nur irgendeiner glänzenden Rolle wegen, die es für die Rachel oder sonst eine ihm zeitweise verbundene Schauspielerin zu kreiren galt, in Hemdsärmeln zu Papier brachte. Gewiß 1 Diese Kunstart ist entzückend. Und Alfred bekundet sich auch ,in seinen hingeschmissensten Stückchen als ein anmutiger, gefälliger und geistreicher Schöpferschlingel. Aber zwischen seinen Blumen und seinen Witzen wieviel Ödland wächst da auch schon für uns. Und haben wir wirklich noch Zeit und Lust, alle diese hier übersetzten Prosastücke in uns aufzunehmen: diese Barberine oder Bettine, diesen Fantasio oder Andrea del Sarto oder Lorenzaccio? Langweilen uns nicht heute all diese endlosen Zwiegespräche wie: „Oh, mein Freund, wie schön ist diese Frau!", „Wahnsinniger! Wahnsinniger!" „Oh, wenn du wüßtest, in welchen Regionen ich weile! Wie der Ton ihrer Stimme nun ein neues Leben in mir kochen läßt. 0 mein Gott! Ein erhabener Altar ist die Liebe. Könnte die Freude meiner Seele zu dir wie ein süßer Weihrauch emporsteigen, Damiano!" So plätschert und brandet und wallet das weiter, ohne uns tief zu erregen und nur, um uns zum Schluß so müde zu machen, als hätten wir stundenlang in einer Schachtel mit hübschen Stoffblumen herumgekramt. Man brauchte all diese toten Stücke wirklich nicht mehr zu galvanisieren versuchen. Einzig der Form wegen könnte man sich noch an den Versstücken Mussets erproben, denn der Alexandriner — Goethes „Laune des Verliebten" sei mein Zeuge! — hört sich auch von unsern Bühnen reizvoll an. Aber auch dafür ist bei dem trost- und kunstlosen Zustand unserer heutigen Theater kein Bedürfnis vorhanden. Bleibt der Erzähler und der Lyriker Musset! Vor allem der letztere. Denn auch seine Geschichten und Geschichtchen haben da und dort Staub angesetzt, wie es Nippessachen oder Makartsträuße tun. In seiner Erzählungskunst ist Alfred, das Kind seines Jahrhunderts,;a verhältnismäßig einfach, ungewürzt und sachlich. 708