Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Anfänge der biblischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 704 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Eugen Täubler vollendeter die feinen Steigerungen in der Erzählung von Adonia und Thamar, die ganz darauf angelegt ist, ihre psychologische Wirkung auf den ahnungslos von der Schuld mitbetroffenen König zu zeigen. In dem Kranz der Novellen um König David ist das Höchste erreicht Um die trockenen Reihen, in denen im Ton des Hof journals von den Söhnen und Bauten und Helden und Kämpfen berichtet wird, ist Blatt und Blüte herumgelegt Immer steht der Mensch — der große König, der ein leidender Mensch ist — im Mittelpunkt Höher ist die geschichtliche Novelle wohl in keinem anderen Schrifttum entwickelt worden — aber in Juda und Israel bedeutet sie zugleich den Höhepunkt der historiographischen Entwicklung überhaupt Das Maß der psychologischen Beobachtung ist in ihnen größer als die Fähigkeit, die Vorgänge geschichtlich zu entwickeln. An Ansätzen fehlt es, soweit sich das Verstehen am äußeren Ablauf bekunden kann, nicht Größere Zusammenhänge sind nicht gesehen. Ein umrahmender oder durchdringender, innerlich bindender Gedanke fehlt Das ist nicht zufällig so. Die historische Novelle ist Ausdruck einer bestimmten Stufe innerhalb der Entwicklung der geschichtlichen Anschauung. Die Novelle ist nicht künstlerische Form, sondern Anschauungsform, das Fehlen geschichtlicher Vereinheitung gehört zum Wesen dieser Anschauungsform, die in ihrer Art ein in sich abgeschlossenes Reifestadium bedeutet; in Israel ebenso wie in Griechenland. Erst als die Zeit der historischen Novelle um war, konnte der Sammler von innen oder von außen her vereinheiten, einen vereinheitenden Sinn in die Geschichte hineinlegen oder um sie herumlegen. Was in Griechenland das Stichwort Orient gegen Occident tat, das sollte in Israel zur Erklärung des geschichtlichen Ablaufs der Wandel von Schuld und Sühne leisten. Für einen historischen Gedanken war es damals schon zu spät Erst etwa zwei Generationen nach dem Tode Salomos tritt uns die erste Geschichte im Zusammenhang schreibende Persönlichkeit im Jahvisten entgegen, der der königlichen Zeitgeschichte die Geschichte der vorköniglichen Zeit bis zum Anfang des Menschengeschlechts voranrückte. Im Werke dieses Jahvisten — Sammlung und Gestaltung — lebt noch der große Geist der hebräischen Novelle. Aber damals begann er bereits in der Sage wie in der Geschichte von den Folgen der religiösen Entwicklung getroffen zu werden. Der geschichtliche Wirklichkeitssinn bekam zwar einen neuen Träger in den Hof journalen, deren Führung in Jerusalem sicher von außen übernommen worden ist Aber obwohl diese Journale offenbar in Auszügen veröffentlicht wurden, vermochten sie (wie die Königsbücher zeigen) keine starke Gegenwirkung aus- 704