Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Rabbi Akiba
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 696 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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E. Schubert-Christaller gleich jetzt das Volk endgültig zu unterjochen. Sie erkannten wohl, daß Israel nicht wie andere Völker am Leib zu brechen sei, sondern nur am Geist, und sie begannen den Kampf gegen die Lehre. Alle Übungen der Religion wurden streng verboten, am schärfsten aber das Lehren: sie hatten mit Sicherheit die Axt an die Lebenswurzel gesetzt Hiernach gab es kein Aufstehen mehr für Israel. Aber sie hatten nicht damit gerechnet, daß auch in diesen unkriegerischen Gelehrten der Heldengeist von Bar Kochbas Kriegern war. Die Weisen erkannten, daß in ihrem Beharren oder Weichen das Bestehen des Volkes und der Lehre lag. Sie versammelten sich geheim in einer Dachkammer, um Beschlüsse zu fassen, wieweit in dieser Zwangslage das Volk von der Ausübung der Gebote zu befreien sei. Sie waren sich ihrer Verantwortung bewußt Die Meinungen kämpften gegeneinander. Rabbi Tarphon wollte die ganze Verpflichtung unverändert foribestehen lassen. Rabbi Akiba aber, weit entfernt, seine eigenen Bedürfnisse auch andern aufzuzwingen, verlangte Erleichterung für das Volk, unterstützt von seinem sonstigen Lehrgegner, dem milden Rabbi Ismaei. Sie hatten die Mehrzahl der Lehrer hinter sich, und es wurde beschlossen, im Fall der Lebensgefahr für alle Gebote außer Mord, Ehebruch und Götzendienst, Befreiung zu geben. Für sich selbst aber nahmen die Lehrer keine Erleichterung an, sie setzten ihren Stolz darein, nach wie vor das ganze Gesetz zu erfüllen und in dieser trüben Zeit Vorbild zu bleiben. So auch lehrten sie mit doppeltem Eifer in der vielleicht nur noch kurzen Zeit ihres Wirkens. Es dauerte nicht lange, so fiel das erste Opfer. Rabbi Ismaels furchtbarer Tod überzeugte alle von dem grausamen Ernst der Römer. Rabbi Akiba erhob eine große Totenklage und rief den Trauernden zu: „Rüstet euch, denn große Bangigkeit wird über uns hereinbrechen." Doch nicht alle konnten wie er tapfer dem Kommenden entgegensehen, es erhoben sich unter ihnen einige Stimmen der Vorsicht und der Angst Pappos ben Juda traf Rabbi Akiba beim Lehren und sprach: „Fürchtest du nicht die Römer?" Er aber antwortete: „Ich will dir ein Gleichnis sagen. Einst waren die Fische in großer Angst wegen der Netze der Menschen. Da sprach der Fuchs, der am Ufer ging: So kommt doch herauf ans Land, daß ihr den Netzen entgeht! Sie aber sprachen: Du willst weise sein? Wenn wir uns schon fürchten im Wasser, das unser Leben ist, wieviel mehr auf dem Land, das unser Tod ist! — So ist es mit uns. Fürchten wir uns schon in der Thora, die unser Leben ist — fern von ihr, wieviel mehr!" 696