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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 697

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Rabbi Akiba
Date
1926-02-01
Page
697 (sequence 11)
Language
German
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Rabbi Akiba Die Furcht warmen Lebens vor dem kalten Tod war auch ihm nicht fremd, und in seiner Natürlichkeit gab er sie schlicht zu. Märryrerverzückung und unnatürliche Lust zur Marter lag ihm fern. Aber er wußte, was stärker ist als der Tod und wertvoller als das Leben, und stand unerschrocken, den Genossen ein Vorbild bis ans Ende. Er wurde auch bald ergriffen und gefangen gesetzt. Doch wurde noch nicht gleich ein Urteil über ihn gesprochen, man hielt ihn längere Zeit gefangen, — sei es, daß die Römer hofften, ihn abwendig zu machen, damit sein Beispiel als Schuloberhaupt der ganzen Bewegung ein unblutiges Ende bereite, sei es, daß sie sich scheuten, den fast hundertjährigen ungebrochenen Greis zu töten. Seine Schüler hielten geheime Verbindung mit ihm aufrecht und fragten ihn in Zweifelsfällen der Lehre. Einer von ihnen verkleidete sich als Händler und rief seine Waren vor dem Gefängnis aus, zwischen ähnlich klingenden Waren die Frage einflechtend, und vom Ausrufton unmerklich übergehend in den singenden Ton des Talmudlehrens, und Rabbi Akiba antwortete vom Fenster in ähnlicher Weise. Einst fragten ihn seine Schüler, ob es ihm nicht lästig sei, daß sie mit ihren Fragen kämen und er antwortete ihnen mit scherzend liebreicher Erinnerung an seine längstvergangene Hirtenjugend — in seiner Antwort die einsamen Gedanken des Gefangenen widerspiegelnd: „Viel lieber als das Kälbchen saugt, will die Mutter, daß an ihr gesogen werde." Dieser schlichte Ausspruch zeigt noch einmal sein Leben vom Anfang bis zum Ende. Wir sehen den jungen Hirten aufmerksam und mit reinem Sinn auf die Seele seiner Tiere achten, und wir sehen den greisen Gesetzeslehrer, der nichts lernt um des bloßen Wissens willen, sondern um zu lehren, der nichts wird um des bloßen Seins willen, sondern um zu wirken — und kein kaltes, bewußt gewolltes Lehren und Wirken, sondern ein Überströmen von Kraft und Liebe, naturhaft wie der mütterliche Trieb eines Tiers. Dann kam der Tag, dem Kreis der Gesetzeslehrer die tiefste Wunde zu schlagen: Über Rabbi Akiba wurde das Urteil gesprochen und er hinausgeführt zum Martertod. Mit eisernen Kämmen rissen sie ihm das Fleisch vom Leib, er aber klammerte sein Bewußtsein an die Gerechtigkeit Gottes. „All seine Wege sind Recht," sprach er und litt es willig. Es war die Stunde des Gebets, und er begann mit einer letzten Inbrunst und Hingegebenheit zu beten. Seine Schüler fragten weinend: „Rabbi, soweit reicht deine Kraft?" Er aber antwortete: „Mein ganzes Leben habe ich mich betrübt über dies Wort, das ich 697

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