Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Rabbi Akiba
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 693 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbi Akiba mag auch seine impulsive Art, Lieblingsschüler zu bevorzugen, beigetragen haben. — Es wird erzählt, daß um ihrer Mißgünstigkeit willen die Schüler alle innerhalb weniger Tage an einer Seuche starben. Seinen späteren Schülern hielt er sie als ein warnendes Beispiel vor. Doch da er seinen eigenen Anteil daran nicht erkannte oder nicht ändern konnte, herrschte auch unter diesen, die die Lehrer der folgenden Generation wurden, ein Geist der Eifersucht und des Besserwissens, und besonders seinem Lieblingsschüler, dem schönen, stolzen und klugen Rabbi Meir, hat er mit seiner Bevorzugung den Grundstein gelegt zu einem schweren Leben und einem vereinsamten Tod. In jener Zeit wurde etwas, das schon lang verborgen unter den Völkern gewachsen war, von einer Welle des Zeitgeistes hoch emporgetragen: die Sehnsucht nach überschwänglicher Erkenntnis Gottes. In den verschiedensten Formen fand diese neue Lehre Eingang in die Religionsgemeinschaften. Auch in den Reihen der Gesetzeslehrer gewann sie Anhänger. Man nannte sie da „Kabbala", das ist Empfangenes, oder „Eingehen ins Paradies". Vier von ihnen werden mit Namen genannt und von ihnen eine seltsame kurze Geschichte erzählt: „Vier gingen ein ins Paradies: Rabbi Akiba, Elisa ben Abuja, Ben Assai und Ben Sorna. Rabbi Akiba, dessen großer Geist eroberungsfreudig viele Weiten überschaute, und dessen starke Frömmigkeit nach starker Betätigung begehrte, der leidenschaftliche und schönheitsdurstige Elisa, Ben Assai, dessen Seele nur Lust zur Thora hatte, und der erkenntnisbegierige Ben Sorna — sie drangen tiefer als alle andern in das geheime Wissen, in das tiefbewegte Erkennen und Erleben jenseitiger Dinge. Ben Assai schaute and starb, Ben Sorna wurde wahnsinnig, Elisa wurde abtrünnig, nur Rabbi Akiba blieb unversehrt" Sie alle hatten im Grenzenlosen den Boden verloren, das irdische Maß, — Leib, Geist und Seele waren haltlos geworden. Rabbi Akiba allein erkannte noch rechtzeitig die furchtbare Gefahr der Unendlichkeit, die weise Begrenzung des Verstehens, und die Sünde, die darin liegt, das irdische Leben schlichter Tat zu verwerfen und nach tiefster Erkenntnis zu gieren. „Der Himmel ist der Himmel des Ewigen, aber die Erde gab er den- Menschenkindern." Sein Mahnruf an die sich verlierenden Genossen findet noch heut in unserm Herzen widerhallenden Schauer: „Wenn ihr hinzukommt zu reinen Marmorsteinen, so sprechet nicht: Wasser, Wasser! denn es steht geschrieben: Wer Trügerisches redet, besteht nicht vor meinen Augen." Das heißt: gebt nicht gleich einen Namen dem, was ihr schaut, euer Auge ist irdisches Maß gewohnt und kennt nicht jenseitiges. Euer Schweigen kann vor Gott bestehn, 693