Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Rabbi Akiba
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 691 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbi Akiba Überlieferung frevelhaft schien, konnte sich dem starken Eindruck seines Wesens nicht entziehen. Eine Fülle persönlichster Bemerkungen über Rabbi Akiba läßt erkennen,, wieviel Liebe man ihm entgegenbrachte. Will man diese Vielheit in eins zusammenfassen, so weiß man kaum, wo anfangen. Eine Eigenschaft ist es, die alle andern prägt: seine große Natürlichkeit Gewollte Bescheidenheit, Güte aus Grundsätzen, Frömmigkeit mit verzerrten Geberden — das sind unerfreuliche Dinge. Bei Rabbi Akiba aber fließt alles wie eine reine, natürliche Quelle, und selbst wo er einmal übersteigert handelt oder redet, behält man den beruhigenden Eindruck: dies muß ihm auch natürlich gewesen sein. Eine Kämpfernatur, voll scharfen Verstandes, bis ins hohe Alter von unermüdlicher Begeisterungsfähigkeit, immer bereit, sich ganz einzusetzen für sein Ziel, waren doch auch die Eigenschaften seines Gemüts sehr reich entwickelt In Freundschaft treu, überall hilfreich, benutzte man ihn, den Emporkömmling, sogar mit Vorliebe zu besonders schwierigen Aufträgen, denn er hatte, was keine Erziehung und Familientradition geben kann, Zartgefühl des Herzens und Güte. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der Grundpfeiler der Thora," lehrte er. Gegen seine Genossen war er verträglich, sodaß trotz allen sachlichen Widerspruchs, den er fand, ihm niemals eine persönliche Anfeindung daraus erwuchs: in Kleinigkeiten nachgiebig, konnte er in der Hauptsache kräftig beharren. Die ziellose Kraft, die ehemals zu beißen begehrt hatte vor unbewußter Nutzlosigkeit, war jetzt im Werk gebunden, auf ein Ziel gerichtet, und ließ ihn sanftmütig erscheinen, und sein leidenschaftliches Gemüt ergoß sich in der Frömmigkeit Man erzählt von ihm: wenn man ihn in der einen Ecke betend verließ, so fand man ihn in der andern Ecke wieder, wohin er durch die Heftigkeit und Entrücktheit seines Knieens und Niederwerfens geraten war. Doch schützte ihn seine Bescheidenheit vor allem Fanatismus, von andern Gleiches zu verlangen, und wenn er im öffentlichen Gottesdienst vorbetete, machte er es kurz, um der im Erwerbsleben stehenden Gemeinde keine Beschwerde zu machen. Dagegen in der Wohltätigkeit wollte er keine andere Ansicht als die seine dulden. Er und seine Frau kannten die Bitterkeit der Armut und gaben beide gern und aus natürlicher Güte. Verschlossene Hand schien ihm nicht anders denkbar als aus Gedankenlosigkeit, und er scheute nicht vor einer kleinen List zurück, seinen sehr geschätzten Freund und ehemaligen Lehrer Rabbi Tarphon ohne kränkende Mahnung das Wohltun zu lehren. Unter dem Vorwand, ihm ein Gut zu kaufen, ließ er sich von ihm eine größere 691