Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 685 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland. widern die athenischen Gesandten, Recht sei, daß der Mächtige tue. was er wolle. Das athenische Prestige erfordere ihre Unterwerfung. Jeder Mächtige würde ebenso handeln. Selbst die Herrschaft der Götter beruhe nur auf ihrer Macht. Da die Melier sich trotzdem weigern, wird ihre Stadt erstürmt, alle jungen Leute getötet, ihre Weiber und Kinder werden als Sklaven verkauft (V 8& ff.). Dies ist überhaupt die Regel bei Einnahme von Städten, obwohl es dem Kriegsrecht widerspricht (III 58). Besonders furchtbar ist hierbei, daß die Sieger immer wieder mit heiligen Eiden versprechen, Leben und Freiheit der Besiegten solle geschont werden — sobald aber diese im Vertrauen hierauf kapitulieren, werden sie teils mit, teils ohne Vorwand einfach hingeschlachtet1) Auch der Friede, der nach den ersten zehn Kriegsjahren feierlich beschworen wurde, geht sofort in die Brüche. Auf beiden Seiten reizen Einzelne immer wieder die nationale Empfindlichkeit und Eroberungsgier auf, weil ihnen der Krieg Glück und Ehre bringt, ihrem Machtgelüsten und Bereicherungsstreben weiten Spielraum bietet (V 16; VI 12, i5). Thukydides zeigt, wie der Krieg den Gewaltgeist entfesselt, dessen grauenhaftes Rasen er mit Meislerhand malt (III 83 ff.). Die Menschen lechzen nach Haß und Crewalt. „Sich an jemand rächen zu können, war ein reizenderes Glück, als ungekränkt zu bleiben." Man schämte sich der Anständigkeit und wollte lieber als listiger Schurke gelten. Diejenigen Bürger, die keine Partei nehmen, werden von beiden unter die Füße getreten. Übrigens fehlte auch die modernste pseudo-soziologische Rechtfertigung des Krieges nicht2) Alkibiades, der Herrenmensch aus altem Aristokratengeschlecht, voll zügelloser Gier zu herrschen und zu genießen, war nicht umsonst bei akademischen Sophisten auf der Schulbank gesessen.3) Er predigt die imperialistische Lehre, daß man gezwungen sei, Expansion zu treiben, um nicht selbst geknechtet zu werden. Ein Staat, der gegen seine Tradition friedlich stille sitzt, muß sofort in Verfall geraten; die Seelen seiner Bürger verrosten (VI 18). Die Jugend jubelt ihm zu, die Alten folgen, die warnende i) z. B. I 126: III 28, 3/i, 30, 68, 81 ff.; IV 46; VIII 82. Ferner vgl. die tückische Ermordung der Heloten (IV36i) durch die Lakedaemonier. '-') Als Muslerbeispiele dieses Geistes siehe verschiedene Schriften über Philosophie und Soziologie des Krieges der Professoren Steinmetz, Heinrich Gomperz, Othmar Spann, Werner Sombart u. a. 3) Bald darauf stellt er sein Talent in den Dienst des Feindes und trägt das Meiste zum Ruin seines Volkes bei. 685