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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 684

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland
Date
1926-02-01
Page
684 (sequence 4)
Language
German
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Friedrich Hertz Die ganze Ideologie des Nationalismus liegt hier vor uns, die Verstrickung in den Machtgedanken, der ein Volk, das sein verführerisches Gift eingesogen hat, nicht mehr losläßt und leicht zu nationalem Selbstmord treibt Dies war das Schicksal Athens. Perikles hatte noch vor imperialistischer Expansion, solange der Krieg wäre, gewarnt Aber seine skrupellosen Nachfolger, der plebeische Demagoge Kleon und noch mehr der aristokratische Demagoge Alkibiades, trieben Athen rettungslos ins Verderben. Kleon forderte, daß Athens Herrschaft mit unbeugsamer Härte, durch Schrecken erregende Strenge gesichert werden solle. Den Einwand, man werde durch Milde und Verständigung dem Staatsinteresse besser dienen, tat er als sentimentales Geschwätz ab. Die demokratische Vorstellung vom einheitlichen und selbstverantwortlichen Gesamtwillen verführt zu der furchtbaren Irrlehre von der Kollektivschuld eines ganzen Volkes, die übrigens bei der antiken direkten Gesetzgebung durch das Volk besonders nahe lag (III 39). Eine Stadt, die von den Athenern abgefallen ist, muß daher wie ein Verbrecher behandelt werden, alle erwachsenen Männer sind hinzurichten, ihre Frauen und Kinder aber als Sklaven zu verkaufen. Nichts sei einem herrschenden Staat schädlicher, ruft Kleon, als Mitleid und übertriebene Gerechtigkeit, daher nur keine Schwäche! Gegen diesen nationalistischen Terror spricht der maßvolle Diodotos; er protestiert gegen die Sucht, nüchterne Ratgeber, welche die Aufstachelung der Volksleidenschaft verwerfen, sofort korrupter Motive zu bezichtigen. Die Abschreckungstheorie sei, gerade vom Standpunkt der Staatsräson, verfehlt, — auch dieser Redner vertritt übrigens den Standpunkt, daß im Konflikt zwischen Recht und Staatsinteresse immer dieses den Vorrang verdiene (III 44)! Schließlich sei aber nicht das ganze Volk schuldig, die große Menge habe sich doch sogar auf athenische Seite gestellt, somit kann es koino Kollektivschuld geben. Typisch ist auch Kleons Auftreten gegen einen Versländigungsfrieden, den Sparta — allerdings erst in schwerer Bedrängnis — anstrebt Die Gegner schlagen vertrauliche Verhandlung vor, um die Volksleidenschaft auszuschalten, aber der erfahrene Demagoge protestiert empört gegen diese „Geheimdiplomatie" und bringt den Friedensversuch zum Scheitern. Niemals ist das Prinzip „Macht ist Recht" als so selbstverständlich ausgesprochen worden. Vergebens bitten die friedlichen Melier die Athener unter Berufung auf Recht, Billigkeit und Götter, ihnen zu gestatten, wie bisher, neutral zu bleiben, statt sie zur Teilnahme am Kriege zu zwingen. Höhnend er- 684

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