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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 683

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland
Date
1926-02-01
Page
683 (sequence 3)
Language
German
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Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland. Der Sieg über die Perser hatte das nationale Selbstgefühl der Athener gewaltig gesteigert und überdies erfüllte sie Stolz auf die Überlegenheit ihrer demokratischen Staatsform. Aber die Freiheit von fremder Unterdrückung wurde bald zur Freiheit, andere Völker zu unterdrücken, bis schließlich das Übermaß an Machtpolitik die eigene Freiheit erschlug. Der Nationalismus als Massenpsychose wird bei Thukydides gut gekennzeichnet: „in Verbindung mit der ganzen Masse schätzte jeder unbedacht sich selbst noch etwas höher" (III 45). Der große Volksführer Perikles „war in allen Stücken den Lakedaemoniern zuwider und ließ die Athener keinen Fuß breit weichen, sondern reizte sie zum Krieg" (I 127). Als der Feind vor Einrücken in das athenische Gebiet noch verhandeln will, wird der Gesandte ungehört zurückgesendet — Perikles hat durchgesetzt, man verhandle überhaupt nicht, solange der Feind nicht nach Hause zurückgekehrt sei! Perikles' große Rede auf die athenische Demokratie (II 35 ff.) ist ein berauschender Hymnus auf die nationale Macht, Ruhm und Ehre. Höher als alles steht die Nationalehre, wer sie im Kriege mehrt, tilgt damit alle Verfehlungen, nur sie altert nie. In einer anderen Rede (II 60 ff.) führt Perikles zum erstenmalx) die verhängnisvolle Unterscheidung zwischen Staatswohl und Wohl aller einzelnen Bürger durch, wobei das Staatsinteresse weit wertvoller sei, als das individuelle Wohlsein. Worin aber besteht dieses Staatsinteresse, dem zuliebe die Bürger freudig alle Opfer bringen müssen? Im Bewußtsein, daß Athen die größte Seemacht habe, die Freiheit und Herrschaft sichere, im Ruhm, daß es über die meisten Griechen herrsche, die furchtbarsten Kriege ausgehalten habe und die reichste Stadt sei. Daher müsse man sich selbst als höherwertig ansehen und die Feinde verachten. Noch mehr als die eigene Freiheit preist Perikles die Herrschaft. „Und diese Herrschaft", ruft er ihnen zu, „könnt ihr nicht einmal aufgeben; wenn selbst etwa jemanden bei den gegenwärtigen Umständen die Furcht auf so tugendhafte Gedanken bringen sollte, er wolle gerne in Ruhe für sich leben. Nein, es ist mit dieser eurer Herrschaft bereits so weit gediehen, daß sie der Gewalt eines Tyrannen ähnlich ist, wobei es ebenso ungerecht aussieht, sie an sich zu reißen, als es gefährlich ist, sich derselben zu begeben." Wenn man also selbst in Freiheit vergnügt für sich leben wollte, so würde dies doch den Staat zugrunde richten, denn man habe sich schon zuviel Feinde gemacht. Daher solle man sich ja in keine Friedensverhandlungen einlassen, sondern durchhalten. l) Er sagt (c. 62), diese Gedanken seien bisher überhaupt nicht ausgesprochen worden. 683

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