Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Die Tragödie des Nationalismus im alten Griechenland
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 682 (sequence 2)
- Language
- German
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Friedrich Hertz die wohlbekannten Schlagworte tauchen auf: Nationales Prestige, Behauptung der Vorherrschaft, Gleichgewicht, Präventivkrieg, Befreiung unterdrückter Nationen. Im wesentlichen wächst der Krieg aus irrationalen Stimmungen hervor, bald hält ihn jeder für unvermeidlich, ohne daß man genau sagen könnte, weshalb. Den Hintergrund bilden Rassenhochmut und Nationalstolz. Oftmals liebt Thukydides den uralten Gegensatz zwischen Joniern und Doriern hervor1), der sich von kriegerischen Erinnerungen nährt. Die Lakedaemonier sehen die Athener „als Nation von ganz anderem Geblüt an" (1102), und diese wieder werfen jenen vor, ihre Gesetze und Sitten seien ganz unhellenisch (I77). Tatsächlich ist ihre Nationaltradition verschieden; der Athener verhält sich zum Lakedaemonier etwa wie ein chauvinistischer pariser Kleinbürger zu einem preußischen Junker älteren Schlages.2) Noch in der größten Bedrängnis zeigt der athenische Feldherr, der maßvolle Nikias, soviel Nationaleitelkeit, daß er den fremden Hilfsvölkern zuredet, sie sollten tapfer kämpfen, denn wie herrlich sei es, daß man sie für Athener ansehen werde, weil sie deren Sprache und Sitten gelernt hätten; in ganz Griechenland werde man sie deswegen höher achten (VII63). Andrerseits setzen die schwerfälligen Lakonier ihren ganzen Stolz auf ihre Waffenehre. Die eigene Meinung des Thukydides drückt wohl der gesetzte Spartanerkönig Archidamos aus, der sagt, man dürfe nicht glauben, daß unter den Menschen selbst ein sonderlicher Unterschied sei; alles hänge von der Ausbildung ab (I84)-3) Die Lakedaemonier haben den Krieg begonnen und die kriegerische Nalar ihres aristokratischen Staatswesens ist ja bekannt. Doch stehen ihnen die demokratischen Athener an Machtdünkel nicht nach, ja sie stürzen sich sogar weit leichtsinniger in halsbrecherische Eroberungspläne (Ägypten, Sizilien) als die bedächtigeren Spartaner. Es war eben eine Demokratie, die nicht auf freier Arbeit und Achtung vor Menschenrechten beruhte, sondern auf Ausbeutung von Sklaven, unterworfenen Völkern und des eigenen Staates, auf dem finanziellen Raubbau, der durch Verteilung von Staatsgeldern an die Menge getrieben wurde. 1) IV 61, 64; V 9; VI 82; VII 5. 2) Vgl. die Charakteristik der Athener I 70; II 07; III 37 ff.; der Spartaner I 84, 118. i.'h; VIII 96. 3) Thukydides selbst war von Vaterseite barbarischer (thrakischer) Herkunft. Wie scharf beurteilt er aber die Barbarei der Thraker! (VII 29.) 682