Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 679 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Einführungen in das erste Buch Mose häuptlinge und rohe Hirten, die noch keine Seßhaftigkeit kennen und, wenn eine Gegend abgeweidet ist, ihre Zelte abbrechen, um weiterzuziehen. Dieses Bild kann schon aus der Bibel selbst als unzutreffend nachgewiesen werden, und unsere Kenntnis des alten Orients zerstört es vollends. Abraham, ein Zeitgenosse des mächtigen, tatkräftigen und weisen Königs Hammurapi, kommt aus Babylonien und reist nach Ägypten. Beides waren hochkultivierte Länder. Auch Kanaan, das zwischen diesen beiden gelegen und durchaus von ihnen abhängig war, war ein fortgeschrittenes Land voller Städte. Also gekannt haben die Erzväter jedenfalls die Kultur ihrer Zeit. Eine andere Frage ist, welchen Gebrauch sie davon gemacht haben. Sie waren Viehzüchter und teilweise auch Ackerbauer. Bei diesen bleibt, wenn sie selbst zugreifen, die Lebenshaltung immer auf einem einfachen Stand. Sie haben es unmittelbar mit der Natur zu tun, und diese isfe immer dieselbe. Daher zum großen Teil der bezaubernde Reiz der Szenerie in diesen Erzählungen: die mit ihren Herden dahinziehenden Patriarchen, Hirten und Mädchen ain Brunnen, Verhandlungen und Streitigkeiten um Äcker, Weiden und Wasserstellen, das Zelt und seine Gäste. Ein sanfter Abendfrieden liegt über der Landschaft Der Kreis, in dem sie spielen, ist vor allem die Familie; Väter und Mütter, Nebenfrauen, Kinder, Geschwister, Verwandte, Knechte und Mägde, Geburt, Brautwerbung, Hochzeit, Begräbnis. Doch fehlt auch nicht ein weiterer Hintergrund: fremde Länder, Fürsten, Könige, Höfe und selbst Krieg und Kriegsgeschrei. Und was sich in diesen Zelten und Häusern abspielt an Schicksalen und Leidenschaften, wird mit ungeschminkter Wahrheit geschildert: Bedrängnis und Verfolgung, Verschulden, Prüfung und Bewährung, Zuneigung und Liebe, Neid, Eifersucht, tödlicher Haß, menschliche Größe und Schwäche. Es ist keine patriotische oder höfische Geschichtsschreibung, die die glorreichen Ahnen in strahlendem Lichte zeigt, nur das Ruhmwürdige hervorkehrt und die Fehler und Gebrechen verschweigt oder beschönigt Daher der unschätzbare erziehliche Wert. Schon darin liegt er, daß es eben wesentlich Familiengeschichten sind. Darum erfassen sie uns unmittelbar. Sie enthalten auch keine Mythologie, in die der moderne Leser und gemeine Mann sich erst mühsam hineinstudieren müßte, und das „orientalische Kolorit" macht sie nur noch anziehender. Schwerer wiegend als die Vorstellung von der unentwickelten Kultur der Patriarchenzeit ist bei jener Nomadentheorie die Folgerung, daß die Erzväter auch geistig, sittlich und religiös auf einer niedrigen Stufe gestanden haben müssen. Ihre Religion, sagt man, war die einer Nomadenhorde, die Gottes- 679