Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 677 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895458-2896561--00805-2896645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einführungen in das erste Buch Mose sein. Daraus schöpft die Prophetie die Kraft ihrer Drohung, und wir wissen ja, daß das Land dem Volke tatsächlich wieder genommen worden ist Historisches Recht gilt nicht, wenn es nicht auch sittlich begründet ist Und trotzdem war das Land ihr altes Vaterland, nicht daß dort ihre Wiege stand, sondern die Gräber ihrer Ahnen lagen und die Einkehr eine Heimkehr war; trotzdem ist das Land ein Erbe von den Vätern her, aber nicht als Erbe eines Besitzes, denn auch jene waren nur Fremde darin gewesen, sondern einer Verheißung und eines Anspruches. Man hatte es ihnen zu danken, nicht weil sie es zuerst erobert, sondern durch ihre Würdigkeit verdient hatten. Also Israel sollte als ein Fremder nach Kanaan gekommen sein. Aber dies hätte nicht nötig gemacht, daß schon seine Urväter sich im Lande als Fremdlinge aufgehalten haben mußten, eine gleichfalls einzigartige Feststellung. Wenn schon ein Volk zugibt, als Eroberer in dieses Land gekommen zu sein, dann wird es lieber behaupten, daß schon seine Vorfahren es besessen hätten und die Eroberung nur eine rechtmäßige Wiederinbesitznahme sei Aber bei keinem Volke wird man so geflissentlich betont finden, daß die Urväter nur Fremde waren. Das Hebräische hat für dieses Verhältnis das scharf ausgeprägte Wort „Ger". Der Ger ist nicht ein Fremder schlechthin, sondern der Anschluß suchende heimatlose Schützling Gottes und als solcher heilig. „Gott liebt den Ger." Auch dem humanen Sinn des Griechen war diese Vorstellung nicht fremd. Hieß doch einer der Beinamen des höchsten Gottes: „Beschützer der Fremden", während dem Römer ursprünglich Fremder und Feind dasselbe Wort waren. Dem vornehmen Sinn des Semiten, bei dem Gastfreundschaft als die höchste Tugend galt, war der Mann ohne Obdach, Brot und Gewand ein Vorwurf gegen den eigenen sicheren Besitz, dem man durch brüderliche Aufnahme und Behandlung begegnen wollte. Der eigentliche Sinn des Besitzes und Reichtums ist die Möglichkeit, zu schenken und wohlzutun. Auf das durchgreifendste ist diese Gesinnung durch die Thora ausgebildet worden, indem sie die Erzväter, ja das Volk Israel selbst von Anfang an zu Gerim macht Damit ist für die Gesetze zum Schutze des Fremdlings, in denen sie sich nicht genug tun kann, ein ganz anderer Widerhall geschaffen. Ja, der „Nächste", den man lieben soll, ist geradezu der Fremdling: „den Ger sollst du lieben wie dich selbst, denn Gerim wäret ihr im Lande Ägypten". Wie hätte bei diesem Volke das Wort Fremder einen verächtlichen Klang haben können, wenn schon seine Urväter in eben diesem Lande nichts anderes gewesen waren! Und die Thora versäumt nicht, es gebührend hervorzuheben, wenn ihnen die Herren 677