Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 676 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob ist nicht ungerechte Willkür. Er konnte seine Liebe zu den Erzvätern, die ihn liebten, erst dann durch die Verleihung Kanaans an die Nachkommen wirksam werden lassen, nachdem die Vorbesitzer sich als unwürdig gezeigt hatten. Dem Lande selbst mußte vor ihren Greueln „übel geworden sein", so daß es sie „ausspie". „Sprich nicht in deinem Herzen, wenn der Herr dein Gott diese Völker vor dir austreibt: für meine Tugend hat Gott mich in dies Land gebracht, das ich besitze. Du kommst in ihr Land nicht für deine Frömmigkeit und Herzensgradheit, sondern um ihrer Bosheit willen vertreibt er diese Völker vor dir und um das Wort zu halten, das er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob eidlich gegeben hat" Darum müssen erst Jahrhunderte vergehen, ehe es Israel in Besitz nehmen darf, denn „noch war die Schuld des Amoriters nicht voll". Demnach bekennt sich das Volk Israel in Kanaan ausdrücklich als später zugewandert Wenn Völker nicht mehr wissen oder nicht zugeben wollen, daß sie Eindringlinge sind, dann bezeichnen sie sich als Autochthonen, d. h. als Eingeborene, aus „dem Boden selbst" Gewachsene. Aber soweit die geschichtliche Erinnerung reicht, hat jedes Volk der Erde schon Vorbewohner vor den jeweiligen gehabt Was wirklich autochthon war, das ist die heidnische Religion. Ihre Götter waren Landesgötter, Verkörperungen der Natur und Eigenschaften der Landschaft, und darum so verschieden und mannigfaltig wie diese. Erst mit seiner Eingesessenheit nahm das Volk in seiner Denkweise und seinem Leben selbst die Züge seines Landes und seiner Götter an. Deshalb hielt sich das Heidentum mit solcher Zähigkeit, solange das Volk im Lande blieb und konnte es andererseits in der Fremde mit seinen Landschaftsgöttern nichts anfangen. Nichts aber fürchten und bekämpfen die Propheten so sehr, als daß Israel, sich in Kanaan einwohnend, selbst zum Kanaaniter, zum Verehrer der Landschaftsgottheit Baal mit allen Greueln seiner ungebändigten Natürlichkeit werde. Nein, seine Geschichte hatte einen anderen Aufriß. Es war aus der Fremde gekommen, nachdem es dort schon zu einem Volke geworden war. Also konnte es nie behaupten, daß es von Urbeginn im Lande wurzele. Es war ihm einmal von dem über alle Länder gebietenden Gott zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe gegeben worden und konnte ihm wieder genommen werden, wenn es sich ihr nicht gewachsen zeigte. Besitz ist Verpflichtung und Aufgabe und niemals unverjährbar und unaufhebbar. Gott gegenüber ist der Mensch immer nur ein Fremdling und Beisaß auf dieser Erde, von allem „Eigentum" nur ein Verwalter. Das soll die Grenze auch der Heimatliebe 676