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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 669

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Das Lebensrecht des Kindes
Date
1926-02-01
Page
669 (sequence 5)
Language
German
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Das Lebensrecht des Kindes Hand an sie legen und schon den ersten Lebenshauch in gräßlicher Gefühllosigkeit ersticken; andere aber bringen sie in die Wildnis, um sie auszusetzen — wie sie selbst sagen, in der Hoffnung auf ihre Erhaltung, in Wirklichkeit aber zum gräßlichsten Verderben; denn alle menschenfressenden Tiere kommen ungehindert heran und tuen sich gütlich an dem herrlichen Mahle, das die einzigen Pfleger, die zur Erhaltung der Kinder Verpflichteten ihnen vorgesetzt haben." Man hat sich durch diese Ausführungen an eine Stelle des Kynikers Musonios erinnert gefühlt1), der ganz im Sinne des Hierokles den Nutzen darstellt, den Verwandte, Staat und Staatsgötter vom Kinderreichtum haben; in Wahrheit ist gerade der Gegensatz lehrreich: Musonios bezeichnet nirgends die Aussetzung als Verbrechen an dem Kinde und demgemäß als Mord, während Philon die Rücksichten auf den Nutzen anderer nicht erwähnt: sie würden ja in seinem Zusammenhang nur abschwächend haben wirken können. Nur eine unter den verschiedenartigen Richtungen hellenischen Geisteslebens scheint die Sünde am Kinde als solche empfunden zu haben. In den Jenseitsbildern jener Mystiker, die in dem alten Sänger Orpheus den Verkünder geheimer Weisheit verehrten, werden Strafen der Mütter geschildert, die ihren Kindern das Licht des Tages nicht gegönnt haben.2) Dabei muß, ursprünglich wenigstens, an künstliche Frühgeburt gedacht worden sein, da für die Aussetzung meist der Vater verantwortlich war. Höchstwahrscheinlich1 ist die Stellung dieser Mystiker nicht durch Erwägungen der Nützlichkeit und Politik, sondern religiös-ethisch bestimmt Wenn dem so ist, dann läge in dieser Ausnahme eine Bestätigung der Regel, die sich aus dem Gegensatz jüdischen und griechischen Denkens ergibt Was der griechischen Kultur fehlte, ist die gegenseitige Durchdringung von Religion und Ethik. Wie gerade in den Kreisen der Mystiker (und in denen der Gnostiker, auf die sie wirkten) neben Gedanken und Forderungen von religiöser Tiefe Entartungen vorkamen, von denen sich die Denker schaudernd abwandten, so hat andererseits die orphische Forderung der Kinderschonung die ethische Wissenschaft nicht beeinflußt Die Philosophie stand unter dem Einfluß des Lebens und ließ Dinge geschehen, die mit ihrer eigenen Forderung „naturgemäßen Lebens" schlechterdings unvereinbar waren. *) Wendland, Philo und die Diatribe 37 f.; näheres in meinem demnächst erscheinenden. Buch „Philons griechische und jüdische Bildung". 2j Maaß, Orpheus 263 ff.; 3i2; Reinach, Archiv für Religionswissenschaft IX 3x6 ff. 669

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